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Kein Stress mit dem Stresstest

„…Der Stresstest ist ein Witz, weil er die Finanzmärkte ‚beruhigen‘ soll. Damit steht vorher fest, was hinterher herauskommt. Es müssen ein paar Banken durchfallen, damit der Test realistisch wirkt – aber es dürfen nicht zu viele sein, weil die Investoren sonst in Panik gerieten.

Von den Aufsehern wird also viel verlangt: Sie müssen einen ‚Worst Case‘ simulieren, der den Worst Case einer zweiten Finanzkrise roßräumig vermeidet. Daher wurde … angenommen, dass die Aktienkurse nur um maximal 15 Prozent einbrechen. Das ist lächerlich. Nach der Pleite von Lehman Brothers verloren die Börsen mehr als die Hälfte ihres Wertes. Noch lustiger ist es bei den Staatsanleihen … kommt die Pleite eines Eurolandes … nicht vor. …

Was … hilft? … Eigenkapital deutlich erhöhen… Diese Idee wird aber … hartnäckig bekämpft. Die Banken wollen weiter wie Hedgefonds agieren und mit fremdem Geld den eigenen Gewinn mehren. Das Risiko trägt ja der Steuerzahler.“

Kommentar der „taz“  (18.7.2011) zum sogenannten Banken-Stresstest.

Lehman 2 und ein heimlicher Stresstest

Das „Handelsblatt“ (16.6.2010) berichtet, dass sich europäische Banken derzeit kaum noch untereinander Geld leihen, weil sie sich gegenseitig misstrauen. Damit ist eine Situation da, die dem Szenario gleicht, das am Beginn der jüngsten Finanzmarkt-Krise die Bank „Lehman Brothers“ pleite gehen ließ.

Das Misstrauen der Banken hat einen Grund: Die Bankiers wehren sich dagegen, dass die Ergebnisse des so genannten „Stresstests“ auf europäischer Ebene veröffentlicht werden – letzteres hat aktuell jetzt Spanien gefordert. Die Heimlichtuerei hat Gründe: Der Stresstest hat laut „Handelsblatt“ nämlich klargelegt, wieviel Kredite die Banken in ihren Büchern haben, die vermutlich nicht zurückgezahlt werden.

Es steht also die nächste Banken-Pleitewelle bevor – und das nächste staatliche „Rettungspaket“ mit einem Finanzbedarf von hunderten von Milliarden Euro.

Profiteure des Bankrotts

Aus der Pleite der Lehman-Brothers Bank haben etliche Firmen großen Gewinn gezogen. Die „International Herald Tribune“ (5.5.2010) hat die Rechnungen zusammengestellt:

  • 262,2 Millionen Dollar berechnete die Firma Alvarez & Marsal als Kosten für das vorübergehende Management der Pleite-Bank
  • 164,8 Millionen Dollar berechnete die Kanzlei Weil, Ghotshal & Manges als Chefberater der Schuldner der Bank
  • 48,4 Millionen Dollar kostete der Finanzbericht, der von Jenner & Block erstellt wurde
  • 47,7 Millionen Dollar genehmigte sich die Kanzlei Milbank, Tweed, Hardley & McCloy als Chefberater der Kreditgeber der Bank
  • Insgesamt betrug die Summe, die Berater und Rechtsanwälte aus der Pleite zogen auf rund 730 Millionen Dollar.

Lehman kam nicht überraschend

Die Pleite der Lehman Brothers Bank kam keineswegs so überraschend, wie Politiker und Banker behaupteten. In einem Artikel zeichnet die „telepolis“ anhand der Berichte des Konkursgerichtes nach, wann die Behörden informiert waren und was unternommen wurde, um die lange absehbare Pleite zu verschleiern. Spätestens nach dem Zusammenbruch der Bear Sterns Bank war Lehman das am besten überwachte Insitut der USA. Die „Überraschung“ bestand lediglich in den Folgen von Verschleierungstaktiken.

In einem weiteren Artikel wird beschrieben wie der Bilanzbetrug funktionierte. Auch dieser Artikel beruht auf den Akten des Konkursgerichtes.

2 Milliarden Bonus

Mitten in den Krisenjahren 2008 und 2009 kassierten 2500 ehemalige Angestellte der Pleite-Bank Lehman-Brothers „Garantieboni“ im Gesamtwert von 2 Milliarden Dollar, 400.000 Dollar im Schnitt pro Mann (oder 5 Jahresgehälter eines gut verdienenden US-Angestellten). Der Grund: Die Bankmanager waren noch im Oktober 2008 aus dem von Lehman übernommenen Bankhaus Nomura gekommen und mit den „Garantieboni“ zum bleiben überredet worden.

Quelle: Süddeutsche Zeitung (1.2.2010)

Wall Street hat gewonnen

„Die Zeit“ stellt lakonisch fest „Die Wall Street siegt“ (17.12.2009). Denn bei den anstehenden Finanzmarktregulierungen fehlen ausgerechnet belastbare Regeln für den Derivate-Markt. Dieser Markt, der derzeit 600 Billionen Dollar umfasst (vor der Krise waren es 700 Billionen) war Auslöser der Wirtschaftskrise und ist immer noch der für die Realwirtschaft, die Staaten, die Währungen und die Menschen gefährlicheste Teil des Finanzmarkts.

Doch das Wall Street Kartell der Derivate-Profiteure – die Großbanken J.P. Morgan Chase, Goldman Sachs, Bank of America, Morgan Stanley, Citigroup und Deutsche Bank haben Regeln verhindert – insbesondere die Regel, dass Derivate-Geschäfte an einer Börse öffentlich überprüfbar notiert werden sollten.

So bleibt es bei den undurchsichtigen Hinterzimmerdeals, die über den Ladentisch (englisch: over the counter) gemacht werden. Diese können zwar theoretisch nützlich sein, indem sie z.B. ein US-Unternehmen, das seine Waren nach Europa exportiert, gegen einen möglichen Verfall des Euro schützen; doch in der Realität sind es vor allem Geschäfte, die Hedgefonds und Banken machen, um auf möglichst hohe Gewinne zu wetten. Gefährlich sind die undurchsichtigen Derivate deshalb, weil sie meistens eine Transaktionskette beinhalten, die explodiert, sobald ein beteiligter Vertragspartner im Ernstfall nicht zahlen kann – so wie voriges Jahr die Investmentbank Lehman Brothers und der Versicherungskonzern AIG.

Die Großbanken der Wall Street haben die Politik eingesackt, indem sie in einer Kampagne prominente Kunden der Realwirtschaft – Apple, General Electric, IBM – gegen Derivate-Regeln aufmarschieren ließen. Diese Großkunden haben ein eigennütziges Interesse: Nicht um die Absicherung von Geschäften geht es ihnen, sondern um das Erlangen von Steuervorteilen und die Möglichkeit zur Bilanzkosmetik, die mit dem Derivatehandel einher geht. Deshalb hat der Bankeregeln-Gesetzentwurf des amerikanischen Repräsentantenhauses Ausnahmeregeln für diese „Endkunden“ und die gerade beliebten Devisen-Wetten (die schon vor 10 Jahren beim Zusammenbruch des Hedgefonds LTCM beinahe den Systemkollaps auslösten).

Gute Zertifikate-Stimmung

Es wahren sogenannte „Zertifikate“ der Lehman Brothers, die dafür sorgten, dass dieses Finanzmarktprodukte bei deutschen Anlegern in Verruf gerieten. Doch ist das Anleger-Gedächtnis sehr sehr kurz. Beim Jahrestreffen des Deutschen Derivate Verbands (DDV) jubelte dessen geschäftsführender Vorstand Hartmut Knüppel, dass sich das Marktvolumen, das in der Krise auf 78 Milliarden Euro abgesackt war, derzeit wieder der 100 Milliarden Grenze nähere.

Dabei kaufen die Anleger die komplizierten Finanzmarktprodukte vor allem dann, wenn diese mit einer „Garantie“ für eine teilweisen oder ganzen Kapitalschutz versehen sind. Dafür müssen sie hohe Gebühren und Vertriebsprovisionen bezahlen, was die reale Rendite meist soweit schrumpfen lässt, dass nicht einmal mit Steuersparmodellen ein realer Anlagegewinn herauskommt – aber gute Gewinne für die Vertreiber wie die Bank Merril Lynch (die von der Bank of America übernommen wurde und jetzt wieder in Deutschland Zertifikate verkauft).

Quelle: Süddeutsche Zeitung 6.10.2009

Drei Lehman Lügen

Drei „Lehman-Lügen“ macht der Kommentator der „Frankfurter Rundschau“ (15.9.2009) Robert von Heusinger am Jahrestag der Bankenpleite aus:

Lüge 1: Lehman sei der Anfang der Krise. Der Anfang der Krise war Mitte 2006 als die amerikanischen Häuserpreise fielen und all den obskuren Finanzmarktprodukten die letzte realwirtschaftliche Grundlage – steigende Immobilienpreise – entzogen wurde. Ab da trauten sich die Banken nicht mehr über den Weg, weil sie wussten, was sie für Schrottpapiere verkauften.

Lüge 2: Nicht niedrige Notenbankzinsen in den USA sind Ursache der Krise. Ursache ist der neoliberale Glaube an unregulierte Finanzmärkte, die sich effizient selbst regulieren würden. Dabei gab es in den vergangenen 110 Jahren nur eine Epoche ohne Bankenkrisen – zwischen 1945 und 1971 als Beamte die Währungs-Wechselkurse festlegten und der internationale Kapitalverkehr so strikt reguliert war, wie der Marktwettbewerb der Banken. Die Krise begann 1971 mit der Freigabe der Wechselkurse und 1986 mit der Aufhebung der Regulierung der Londoner Banken. (Heusinger vergisst hier darauf hinzuweisen, dass die Wechselkursfreigabe auf Finanzierungsprobleme der USA im Vietnamkrieg zurückzuführen war und Maggie Thatchers „Big Bang“ der Tatsache geschuldet war, dass die britische Industrieproduktion aufgrund der Weltmarktkonkurrenz zusammenbrach).

Lüge 3: Deutschland sei unschuldiges Opfer der Finanzkrise. Nein: In den vergangenen 10 Jahren wuchs die Weltwirtschaft nur, weil die US-Bürger mehr konsumierten, als sie selbst produzierten – finanziert über wertlose Kreditpapiere, die von Ländern gekauft wurden, die mehr produzierten, als ihre Bürger konsumieren konnten (Deutschland, China, Japan). Permanenten Exportüberschüsse – wie sie immer noch von der deutschen Wirtschaft angestrebt werden – sind verantwortlich für die Wirtschaftskrise.

Lehman-Lehren

Die Süddeutsche Zeitung (15.9.2009) befragte Wirtschaftswissenschaftler zu den Lehren aus der Lehman-Pleite und der dadurch ausgelösten Banken- und Wirtschaftskrise – unter anderem Nobelpreisträger Joseph Stiglitz:

Aus dem Bankrott von Lehman Brothers sind zwei … Lehren zu ziehen: Erstens darf man Banken nicht erlauben, dass sie so groß und verwoben werden, dass ihr Untergang eine Krise auslöst… Zweitens gibt es … Handlungsalterniven sowohl zum Ansatz von Henry Paulson, Ben Bernanke und Timothy Geithner, Lehman einfach untergehen zu lassen und zu zu hoffen, dass alles gut geht, als auch zur Blankoscheck-Politik der Regierung Obama. Es hätte … gesetzliche Vorschriften gegeben, um Banken unter staatliche Zwangsverwaltung zu stellen… stattdessen schüttet man Hunderte Milliarden Dollar in die Banken.
Der Finanzsektor will uns glauben machen, dass alles gut geworden wäre, wenn man nur Lehman gerettet hätte. Das ist reiner Unsinn. Lehman war eine Folge, keine Ursache. Der Zusammenbruch war die Konsequenz verfehlter Leihepraktiken und unangemessener Aufsicht… Die Finanzmärkte haben ihre Kredite aus einer Spekulationsblase heraus gegeben, die sie selbst geschaffen haben… Die Branche hat in harter Lobbyarbeit alle die Regulierungen beseitigt, die die Fehlentwicklunen hätten verhindern oder zumindest begrenzen können…
Auch wenn Lehman nicht untergegangen… wäre, hätten der Weltwirtschaft Schwierigkeiten bevorgestanden… Der Fall von Lehman hat den Prozess des Kreditabbaus beschleunigt und die dahinterliegenden Probleme offengelegt.

Kinder sterben wegen Lehman-Pleite

Die Weltbank rechnet für dieses Jahr mit 30.000 bis 50.000 toten Kindern in Afrika, die es nicht gegeben hätte, wäre die Bank Lehman Brothers nicht pleite gegangen.
Afrika leidet unter der weltweiten Finanzkrise – insbesondere die Länder, die den Rezepten des internationalen Währungsfonds gefolgt waren und zum Nutzen ausländischer Investoren ihre Volkswirtschaften geöffnet hatte. Derzeit liegen Investitionsprojekte im Wert von 82 Milliarden US-Dollar wegen der Finanzmarktkrise auf Eis. Neuinvestitionen schrumpften von 32,7 auf 26,7 Milliarden Dollar in nur einem Jahr. So kippte der Bergbauriese Rio Tinto in Guinea den Ausbau einer Bauxitmine (6,5 Milliarden Dollar), der Stahlkonzern Arcelor Mittal Investitionen in eine Eisenerzmine in Liberia im Wert von 1,5 Milliarden.
Nach der Finanzkrise litt Afrika besonders unter der dadurch ausgelösten Spekulationswelle mit Lebensmitteln, die die Nahrungsmittelpreise in die höhe trieb. Und noch etwas: das Krisengeld des IWF kommt in Afrika nicht an: 82 Prozent der internationalen Hilfen gegen die Folgen der Finanzkrise gingen in europäische Länder, nur 1,6 Prozent nach Afrika.
Quelle: die tageszeitung (15.9.2009)

Lehman hat wieder Geld

Der deutsche Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) will von der vor einem Jahr pleite gegangenen US-Investmentbank Lehman Brothers 345 Millionen Dollar zurück. Jedenfalls geht das aus einer Liste von Forderungen hervor, die gegen Lehman erhoben werden. Auf Platz 2 der deutschen Gläubigerliste von Lehman folgt die Lufthansa, die sich bei den US-Bankern mit 128 Millionen Dollar gegen steigende Treibstoffpreise und ungünstige Wechselkurse absichern wollte. Lehman Brothers verfügt derzeit wieder über flüssige Mittel von 12 Milliarden Dollar.

Pleite Nummer 77

Es ist eine Schnapszahl: Mit der Insolvenz der Colonial Bank – einem Institut mit 346 Filialen in fünf US-Bundesstaaten und einer Bilanzsumme von 25 Milliarden Dollar geht heuer die 77. US-Bank pleite. Gleichzeitig verdienen Großbanken wie Goldman Sachs kräftig am Geschäft mit staatlichen Milliardenhilfen und billigem Notenbank-Geld. Übrigens: Voriges Jahr gingen neben den Lehman-Brothers „nur“ 24 weitere Banken bankrott – die größte war die US-Sparkasse Washington Mutual mit einer Bilanzsumme von 307 Milliarden Dollar. Es wird erwartet, dass infolge der Bankenpleiten die Hypothekenkredite der US-Hausbesitzer noch einmal teurer werden.

Aber nicht nur die Kunden bezahlen: Auch der US-Einlagensicherungsfonds FDIC gerät langsam in Not: Die Colonial-Pleite wird ihn etwa 2,8 Milliarden Dollar kosten. Der Fonds, der im März noch mit 13 Milliarden Dollar kapitalisiert war, musste seitdem häufig einspringen und Experten meinen, dass sein Kapital fast aufgebraucht ist – so kostete die Pleite des Immobilienfinanzierers IndyMac den FDIC allein 10 Milliarden Dollar.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 17.8.2009

Gewinne und Boni

In der „Zeit“ (23.7.2009) weist Arne Storn auf einiges hin, was sich hinter den Milliardengewinnen der internationalen Großbanken im 2. Quartal (Goldman Sach 3,4 Miliarden Dollar, JPMorgan Chase 2,7 Milliarden, Bank of America 3,2 Milliarden, Citigroup 4,3 Milliarden) verbirgt und macht einen gut begründeten Vorschlag gegen die Finanzmarkt-Zockerei:

Zu den Hintergründen der Gewinne: Sie sind unter anderem Ergebnis mangelnder Konkurrenz – Bear Stearns, Lehman Brothers oder Merril Lynch sind pleite und vom Markt verschwunden. Dazu kommen geänderte Bilanzregeln, die Abschreibungen unnötig machen und damit Verluste kaschieren; ebenso günstige Zinsen der Notenbanken und Rettungs-Staatsgelder, die an die Banken durchgereicht wurden (Beispiel: der Versicherer AIG).

Und der Vorschlag: Unglaublich aber wahr: die Hälfte ihrer Gewinne schütten die Banken an ihre Mitarbeiter aus – vor allem jene „Top Banker“, die im Finanzmarktcasino zocken. Dabei handeln die Bankmitarbeiter nicht auf eigenes Risiko, da sie ja mit den Kundengeldern der Bank ihre riskanten Geschäfte tätigen. Arne Storn schlägt daher vor, die Gewinne stärker zum Aufbau größeren Eigenkapitals der Banken zu nutzen und die Bonuszahlungen auf 10 bis 20 Prozent des Gewinns zu begrenzen. Das würde seiner Meinung nach den Hang zur kurzfristigen Zockerei begrenzen.

1986: Minsky blickt durch

Die Süddeutsche Zeitung feiert in ihrer heutigen Ausgabe den US-Ökonomen Hyman Minsky der 1986 sein Hauptwerk „Stabilizing an unstable economy“ veröffentlichte. War er damals ein Außenseiter in der Wirtschaftswissenschaftler-Zunft, ist er 13 Jahre nach seinem Tod derjenige, der schon vor 23 Jahren begriffen hatte, warum es zu einer Krise wie der heutigen kommen kann:

Minsky erkannte, dass es im Kapitalismus 2 Preissysteme gibt – die Güterpreise, die sich aus Produktionskosten plus Gewinnaufschlag zusammensetzen und die Vermögenswerte (Aktien und Immobilien), deren Preis von Renditeerwartungen abhängt. Und weil beides nicht richtig zusammenpasst gibt es das Instrument des Kredits, das einen fatalen Mechanismus aus Börseneuphorie und Kapitalmarkt-Panik auslöst: Banken und Kunden erwarten, dass künftige Gewinne auf dem Gütermarkt ausreichen Zins und Tilgung zu bezahlen („hedge finance“, gesicherte Finanzierung). Klappt das, findet der erfolgreiche Unternehmer Nachahmer, die Preise für Kapitalgüter steigen, der Boom bricht aus. Irgendwann merken die Banken, dass sie nur spekulative Projekte mit ihren Krediten finanzieren, bei denen die Rendite zwar noch für die Zinsen, nicht mehr aber für die Tilgung reicht.

Das ist der „Minsky-Moment“. Denn danach werden die spekulativen Finanzgüter im „Ponzi-Bereich“ finanziert – also mit einer Art Schneeballsystem (benannt nach dem Anlagebetrüger Charles Ponzi) bei dem neue Kredite aufgenommen werden, um Zins und Tilgung alter Kredite zu bezahlen. Wenn eine Bank genügend Ponzi-Projekte ansammelt, ist sie pleite!

Bei der heutigen Krise lag der „Minsky-Moment“ im Herbst 2007, als die Deflation der Vermögenswerte begann, in deren Gefolge trotz aller Verbriefungen und Derivate am Ende allerlei Banken und Versicherungen pleite gingen und vom Staat gerettet wurden (oder auch nicht): IKB, SachsenLB, Hypo Real Estate, Northern Rock, Bear Stearns, Lehman Brothers, Citigroup, AIG.

Die von Minsky vorgeschlagenen Reformen fanden kein Gehör: Er wollte für Stabilität sorgen, indem er ein langsameres Wachstum des Lebensstandards vorschlug – die Wirtschaft sollte selbst viel konsumieren, wenig investieren und von einem starken Staat gesteuert werden. Arbeitslose sollten in diesem System übrigens staatliche Arbeitsplätze zum Mindestlohn besetzen müssen.