Schlagwort-Archive: Niedriglohn

Bundestags-Putzen

Das Unternehmen B+K Dienstleistung, das auch die Reinigungskräfte des Bundestages stellt, zahlt in Hotels für die Zimmerreinigung einen Stundenlohn von bis zu 3,65 Euro hinunter. Das Unternehmen verweist seine Angestellten zynisch darauf, dass sich dieser Verdienst mit Flaschenpfand aufbessern lasse.

Quelle: Frankfurter Rundschau 18.6.2009 unter Verweis auf den „Spiegel“

Karstadt wird nicht gerettet

Der Zynismus ist erschreckend: 23.000 Mitarbeiter der Karstadt-Kaufhaussparte des Arcandor-Konzerns werden bald ihren Job verlieren, weil es für die Firma, in der sie arbeiten, kein Geld aus dem staatlichen Rettungsschirm gibt. Sie haben das Pech, anders als die Opel-Arbeiter, für den Standort Deutschland nicht wichtig zu sein – sie sind schließlich nur Beschäftigte in der Niedriglohn-Branche Handel.

Es ist ja richtig, dass der ehemalige Manager des neoliberalen Musterkonzerns Bertelsmann und jetzige Arcandor-Boss Thomas Middelhoff schlecht managt. Und es ist auch richtig, dass das Konzept Kaufhaus schon lange in der Existenzkrise steckt. Doch das ist kein Grund, 23.000 Arbeitsplätze direkt und weitere 27.000 beim Arcandor-Konzern indirekt zu gefährden (und nebenbei viele deutsche Innenstädte dem „downgrading“ anheim zu geben).

Erste Fassung: 26.5.2009

UPDATE: taz-Autorin Beate Wilms weist in der heutigen Ausgabe (26.5.2009) auf einen weiteren Aspekt hin, der wohl dazu führt, dass der Staat Karstadt Pleite gehen lässt: die Mitarbeiter der bereits Pleite gegangenen Hertie-Warenhäuaser und von Karstadt waren diejenigen, die mit ihrer Gewerkschaft ver.di für bessere Löhne streikten, überall Betriebsräte installierten und auch Arbeitnehmervertreter in die Aufsichtsräte entsandten. Für die Neoliberalen, die staatliche Rettungsgelder verteilen, vielleicht ein zusätzlicher Grund, den Karstadt-Mitarbeitern Hilfe zu verweigern.

UPDATE 2 (4.6.2009): Der einzig ernst zu nehmende Diskussionsbeitrag, den die Kritiker von Staatsbürgschaften für Karstadt anführen ist, dass Mitbesitzerin Schickedanz, ein wenig Geld von ihren Milliarden für die Rettung ihres Unternehmens abzweigen könnte.

UPDATE 3 (5.6.2009): Das Quelle-Versandhaus – heute Teil des Arcandor-Konzerns – war mal sozial vorbildlich: Schon 1961 hatte diese Firma einen ganztägig geöffneten Betriebskindergarten, der es unter anderem einer 17-jährigen Schwangeren ermöglichte, dort eine Lehre zu machen, nachdem sie wegen ihrer Schwangerschaft vom Abitur ausgeschlossen wurde. Der Name des Mädchens: Renate Schmidt, später Abteilungsleiterin, Betriebsrätin und SPD-Bundestagsabgeordnete Renate Schmidt. (Quelle: Süddeutsche Zeitung). Wieder so Sozialklimbim, der weg muss – besonders jetzt, wo Einzelhandels-Angestellte wieder mal um Lohnerhöhungen streiken. Und da kommen auch Fusionspläne entgegen: Denn der von der Regierung favorisierte nächste Kaufhaus-Monopolist Metro ist nicht gerade als arbeitnehmerfreundlich bekannt. Abgesehen davon, dass das künftige Monopol mit der Schließung von 30 Karstadt und 10 Galeria-Kaufhof Filialen erkauft wird.

UPDATE 4 (9.6.2009): Bei der jetzt auch von der SPD favorisierten Fusion interessant ist ja, dass ausgerechnet die Wettbewerbsfanatiker hier ein neues Monopol schaffen. Mein Verdacht war ja immer schon, dass die volkswirtschaftlichen Konkurrenz-Modelle idealer Märkte mit der Praxis nix zu tun haben und die Bildung von Mono-/Oligopolen und Kartellen das eigentliche Ziel ist (um Mitarbeiter und Kunden besser ausbeuten zu können). Und noch was: Wenn man über Arcandor redet wird meist nur Karstadt erwähnt und Quelle vergessen. Dabei hängen auch am Versandhaus viele tausend Arbeitsplätze – nicht nur im Konzern, sondern z.B. auch 4000 bei der Post-Tochter DHL, die überflüssig wären, würde das Versandhaus im Strudel einer Insolvenz verschwinden (Quelle: Sonntag aktuell). Schließlich noch: Der rückzahlbare 437 Millionen Euro Notkredit entspricht 17.000 Euro für jeden der auf dem Spiel stehenden 26.000 Jobs. Langzeitarbeitslosigkeit kommt den Staat um ein vielfaches teurer!

Arbeitsgelegenheiten

Die Bundesagentur für Arbeit hat erstmals gefragt, wie sich den die sogenannten Ein-Euro-Jobber so fühlen. Erstaunlicherweise zufrieden mit ihrer „Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung“. Klar: zu Hartz IV ein bißchen dazuverdient – schon hat man es etwas leichter.

Und – so zumindest der DGB in einer Bewertung der noch unveröffentlichten Studie – die Langzeitarbeitslosen in diesen Jobs sind erstaunlich qualifiziert: mindestens Berufsausbildung manchmal sogar Hochschulabschluss haben zwei Drittel der Ein-Euro-Jobber. Doch schon im November 2008 hatte der Bundesrechnungshof in einem Prüfbericht festgestellt, dass der Ein-Euro-Job eine Sackgasse ist. Drei Viertel der 1-Euro-Jobber haben auch danach keine Chance auf eine richtige Arbeit. Außerdem erfüllten zwei von drei 1-Euro-Jobs nicht die gesetzlichen Voraussetzungen, was jetzt in der BA-Befragung bestätigt wurde: 45 Prozent der 1-Euro-Jobber sagen, dass sie dieselbe Arbeit machen wie festangestellte Kollegen.

Letzters ruft witzigerweise den Zentralverband des Handwerks auf den Plan. Denn 1-Euro-Jobber machen in gemeinnützigen oder städtischen Betrieben den Handwerkern als Gärtner und Hausmeister Konkurrenz.

Quelle: Frankfurter Rundschau 29.5.2009

Arme sterben früh und bezahlen für Besserverdienende

Das DIW, so taz-Autorin Ulrike Hermann am 29.1.2009, hat’s nachgerechnet: Niedriglöhner zahlen für Besserverdienende! Wer gut verdient, lebt nämlich länger und kassiert länger Rente – was automatisch seine „Rendite“ auf die eingezahlten Beiträge erhöht. Diesen Fakt haben die Versicherungslobbyisten, die die Riester-Rente erfanden ignoriert und stattdessen von Staatswegen die Altersarmut der Geringverdiener gesteigert – weil mit Einführung der privat finanzierten Rente die staatliche Rente gekürzt wurde. Und weil die Hälfte der Deuschen höchsten 15.000 Euro Ersparnisse hat – was rechnerisch allenfalls für 75 Euro „Privatrente“ im Monat reicht – wird deutlich, dass die Armen für die Reichen zahlen!

Sub-Sub-Sub-Unternehmer

Nur 2,50 bis 3,50 Euro pro Stunde – statt 8 Euro – erhielten 37 türkische Bauarbeiter, die für einen Subunternehmer des Düsseldorfer Hochtief-Baukonzerns arbeiteten. Bei einer Razzia des Zolls flog dieser „Lohnwucher“ auf und der Subunternehmer wanderte für fünf Monate in Untersuchungshaft. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen mehrere Manager des Hochtiefkonzerns wegen Beihilfe zum Lohnwucher erhoben. Der Niedriglohn führte dazu, dass die türkischen Arbeiter beim Bau eines Altenheimes pro Person um rund 3000 Euro geprellt wurden.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 20.5.2009

Schlecker macht frech weiter

Die Schlecker-Drogeriemärkte verändern sich: In den nächsten Jahren sollen laut Gewerkschaft ver.di 4000 Kleinfilialen mit 12.000 Mitarbeiterinnen geschlossen werden – allein heuer sollen es schon 600 gewesen sein. Aufmachen will der Ehinger Unternehmer Anton Schlecker dagegen so genannte XL-Märkte mit größerer Fläche, größerem Sortiment und – tatsächlich – mehr Mitarbeitern.

Die allerdings sind die Gekniffenen: Galt in den Kleinfilialen ein nach jahrelangen Auseinandersetzungen mühsam von ver.di erkämpfter Anerkennungstarifvertrag, der den Schlecker-Mitarbeitern die – niedrigen – Handels-Löhne sicherte, sollen sie künftig für 6,50 bis 8 Euro die Stunde in den XL-Märkten arbeiten. Das sind bis zu 50% unter dem Tarifniveau. Aber die Mitarbeiter, die dem Drogeriemarkt-Milliardär seinen Reichtum erwirtschafen haben keine Wahl – sie können sich ja nicht in die Erwerbslosigkeit abmelden.

Insofern: Die Schlecker-Mitarbeiter haben allen Grund zu streiken: Für Tarifbindung auch in den XL-Märkten! Und als Kunden können wir das mit unserem Einkaufsverhalten unterstützen!