Schlagwort-Archive: Derivate

Kapital-Gesetze

Aus der „weit reichenden Überarbeitung der Finanzregulierung“, die US-Präsident Obama im Juni 2009 versprach und die „eine Veränderung, wie wir sie seit den Reformen … der großen Depression nicht mehr erlebt haben“ ist – dank der Arbeit von 1500 Finanzmarkt-Lobbyisten ein Mini-Gesetz geworden bei dem alles fehlt, was zu einer ordentlichen Bankenregulierung gehört. Es gibt praktisch keine Einschränkungen für die hochgefährlichen Finanzmarkt-Derivate, der angekündigte 150 Milliarden Dollar Topf zur Abwicklung von Pleitebanken (den die Banken hätten selbst bezahlen müssen) fehlt ebenso wie die 19 Milliarden Dollar aus einer Bankenabgabe.

Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass US-Präsident Obama in Sachen Bankenregulierung vollständig gescheitert ist – was bedeutet, dass beim nächsten Finanzmarkt-Crash wieder die Bürger bezahlen müssen; was dann angesichts der bereits jetzt riesigen Staatsschulden bedeutet, dass die Enteignung über eine hohe Inflationsrate stattfinden wird.

Quelle: taz (14.7.2010)

Blühende Derivate-Wirtschaft

Das 41,7-fache des Welt-Sozialprodukts ist der „Wert“ des Handelsvolumens der Börsenderivate. Dazu kommt noch einmal das 23,5-fache des Welt-Sozialprodukts als Handelsvolumen für außerbörslich gehandelte Derivate. Damit nehmen allein diese beiden Finanzmarktklassen im Jahr 2007 den Löwenanteil des Finanzmarkts ein. Denn Aktien und Anleihen, sowie der Devisenhandel bewegen sich seit vielen Jahren auf gleichbleibendem Niveau von maximal dem fünffachen des Welt-Sozialprodukts.

Quelle: taz 19.5.2008

Goldman Sachs verdient an Griechenland

Die „Süddeutsche Zeitung“ (15.2.2010) beschreibt wie die US-Bank Goldman Sachs Griechenland half, das Staatsdefizit zu verschleiern – und dabei gute Gewinne machte. Der Deal lief so: Goldman verkaufte den Griechen ein Kredit-Derivat namens Swap. Dafür verpfändete Athen künftige Einnahmen aus dem Betrieb von Flughäfen, Autobahnen und Lotterien. Nach europäischen Buchhaltungsregeln tauchte dieses Geschäft nicht in der griechischen Staatsbilanz auf. Im Fall des griechischen Swaps kassierte Goldman Sachs 300 Millionen Dollar „Gebühren“. Insgesamt schuldet Athen Investoren 220 Milliarden Euro. 52 Milliarden Euro Schulden werden in diesem Jahr fällig.

Wall Street hat gewonnen

„Die Zeit“ stellt lakonisch fest „Die Wall Street siegt“ (17.12.2009). Denn bei den anstehenden Finanzmarktregulierungen fehlen ausgerechnet belastbare Regeln für den Derivate-Markt. Dieser Markt, der derzeit 600 Billionen Dollar umfasst (vor der Krise waren es 700 Billionen) war Auslöser der Wirtschaftskrise und ist immer noch der für die Realwirtschaft, die Staaten, die Währungen und die Menschen gefährlicheste Teil des Finanzmarkts.

Doch das Wall Street Kartell der Derivate-Profiteure – die Großbanken J.P. Morgan Chase, Goldman Sachs, Bank of America, Morgan Stanley, Citigroup und Deutsche Bank haben Regeln verhindert – insbesondere die Regel, dass Derivate-Geschäfte an einer Börse öffentlich überprüfbar notiert werden sollten.

So bleibt es bei den undurchsichtigen Hinterzimmerdeals, die über den Ladentisch (englisch: over the counter) gemacht werden. Diese können zwar theoretisch nützlich sein, indem sie z.B. ein US-Unternehmen, das seine Waren nach Europa exportiert, gegen einen möglichen Verfall des Euro schützen; doch in der Realität sind es vor allem Geschäfte, die Hedgefonds und Banken machen, um auf möglichst hohe Gewinne zu wetten. Gefährlich sind die undurchsichtigen Derivate deshalb, weil sie meistens eine Transaktionskette beinhalten, die explodiert, sobald ein beteiligter Vertragspartner im Ernstfall nicht zahlen kann – so wie voriges Jahr die Investmentbank Lehman Brothers und der Versicherungskonzern AIG.

Die Großbanken der Wall Street haben die Politik eingesackt, indem sie in einer Kampagne prominente Kunden der Realwirtschaft – Apple, General Electric, IBM – gegen Derivate-Regeln aufmarschieren ließen. Diese Großkunden haben ein eigennütziges Interesse: Nicht um die Absicherung von Geschäften geht es ihnen, sondern um das Erlangen von Steuervorteilen und die Möglichkeit zur Bilanzkosmetik, die mit dem Derivatehandel einher geht. Deshalb hat der Bankeregeln-Gesetzentwurf des amerikanischen Repräsentantenhauses Ausnahmeregeln für diese „Endkunden“ und die gerade beliebten Devisen-Wetten (die schon vor 10 Jahren beim Zusammenbruch des Hedgefonds LTCM beinahe den Systemkollaps auslösten).

Hütchenspieler im Shadow-Banking

Bei der Feierstunde des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) fand Bundespräsident Horst Köhler überraschend deutliche Worte zu den aktuellen Finanzmarktentwicklungen. Es sei „ein déjá-vu mit Hütchenspielern im Shadow-Banking, mit intransparenten Derivatgeschäften und Spekulationen auf den Rohstoffmärkten“.

Köhler, der auch schon einmal Chef des internationalen Währungsfonds (IWF) war stellte fest, dass die Banken „die Politik“ im Regen stehen“ ließen – zumal die Diskussion darüber, wer die Kosten der Krise zu tragen habe „noch nicht einmal begonnen“ habe. Er forderte einen starken Staat „oberhalb der Wirtschaft“, der dem Marktgeschehen klare Regeln und Grenzen setze.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 6.10.2009

Falsche Skandale lenken Wähler ab

Plakativ machte die „tageszeitung“ (29.7.2009) darauf aufmerksam, dass Medien die Wähler mit falschen Skandalen ruhig stellen: „850.000 Dienstwagen weg, und keiner regt sich auf“ titelte das Blatt um klar zu machen, dass Ministerin Schmidts gestohlener Dienstwagen und dessen Privatnutzung am Urlaubsort die unter allgemeinem Gejohle durchs Dorf getriebene Sau ist, während gleichzeitig der wirkliche Skandal um die „Rettung“ der Hypo Real Estate und die dort versunkenen 102 Milliarden Euro Staatsgeld in aller Stille beerdigt wird.

Und unter dem Tiel „Die Wähler müssten es mal merken“ schob Kommentator Reiner Metzger nach:

…Eine Ministerin, ihr Dienstwagen im Urlaub geklaut, und schon ist der karrierebedrohende Skandal da. Wenn hingegen im Bundestags-Untersuchungsausschuss über das Wann und Wie von 102 Milliarden Euro Steuergeldern … geforscht wird, bleibt die Öffentlichkeit kühl. … Der Minister und seine Staatssekretäre waschen ihre Hände in Unschuld. Die Bankenaufsicht hat die HRE geprüft, etwas festgestellt und nach oben gemeldet, aber irgendwie alles nicht so gemeint. …
Der Staat hat mit etwa 100 Milliarden gebürgt und gezahlt, die Privatwirtschaft in weit geringerem Maße. Die Rede ist von 15 Milliarden Euro durch die deutschen Banken. Aber Genaues weiß man nicht, denn viele Akten sind und bleiben vertraulich. … Jeder der 82 Millionen Bundesbürger bürgt im Schnitt mit 1200 Euro – und niemand erfährt die Details. Wessen Karriere bedroht dieser Skandal? In der Politik offenbar niemandes. Die Banker verdienen sogar auf lange Frist an dem Deal. Sie geben der geretteten HRE munter Kredite und kassieren die Zinsen … die Bundesregierung bürgt ja dafür. Mit dem Staat Geschäfte machen macht einfach Spaß. …
Wo bleiben denn nun die veränderten Börsenregeln, die Börsenumsatzsteuer? Wo die Vereinbarungen zur Offenlegung und Standardisierung der ganzen Derivate, die die Misere ausgelöst haben? Wo bleibt eine wirksame Gesetzgebung zu den versagenden … Rating-Agenturen? … Zwei Tage vor den Bundestagswahlen endet der Weltfinanzgipfel in Pittsburgh … Wenn dort wieder nichts passiert, hat diese Bundesregierung eine Bestrafung durch die Wähler wahrlich verdient. Die müssen es nur noch merken.

Unverantwortlich und wahnsinnig

Die Finanzinvestoren zocken schon wieder ordentlich in Öl, die Bankmanager warnen schon wieder vor zu viel Regulierung, und die Politiker … streiten lieber um Steuersenkungen… Nicht besser das Finanzministerium und die Bundesbank. Die zentralen Krisenbekämpfer sprechen am liebsten über Exit-Strategien, wie sie nach der Krise wieder ordnungspolitisch sauber den Staatshaushalt sanieren wollen…
Jede einzelne Tat ist unverantwortlich, zusammengenommen verdichtet sich das Verhalten der Wirtschafts- und Parteien-Elite dieses Landes zum Wahnsinn. Sie spinnen, um es klar zu sagen, und gefährden damit Wohlstand, Jobs und Wachstum. Denn die Krise ist noch nicht einmal zur Hälfte ausgestanden. Der wichtigste Brocken ist noch nicht halbwegs aus dem Weg geschafft: die schlingernden Banken…
Das Problem: Wenn die Banken nicht von den toxischen Papieren befreit sind und gleichzeitig … zu wenig Eigenkapital besitzen, werden sie alles tun, um zu überleben… ,sie werden keine Risiken eingehen, sondern die gesamten Überschüsse zum Aufstocken der schwachen Eigenkapitalbasis verwenden… Also werden die Banken keine neuen Kredite mehr geben, weshalb immer mehr Firmen … insolvent werden.
Deshalb müssen die Banken viel härter angepackt werden… gilt es den Banken ihre Lieblingsspielzeuge aus der Hand zu nehmen. Dazu zählt der intransparente Handel mit Derivaten… genauso das kurzfristige Gezocke an den Terminbörsen für Devisen und Rohstoffe… Die Banken haben der Realwirtschaft zu dienen, durch die Vergabe von Krediten im Casino haben sie dagegen nichts zu suchen.

Robert von Heusinger in einem Kommentar der Frankfurter Rundschau (18.6.2009)