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Rüstung und Naturmode

Hessnatur ist ein Mitte der 70er-Jahre gegründetes Versandhaus für Ökobekleidung. Die Stiftung Warentest bestätigt dem Unternehmen mit 70 Millionen Euro Umsatz und 340 Mitarbeitern, das einzige Unternehmen zu sein, das für seine Waren eine lücklose Bio-Zertifizierung nachweisen kann. Außerdem kooperiert Hessnatur mit der Kampagne für saubere Kleidung.

2001 war Hessnatur von einer Tochter des Arcandor-Konzerns gekauft worden. Nach der Pleite des Konzerns, zu dem auch Quelle und Karstadt gehörten, wurde Hessnatur in die Primondo Speciality Group eingebracht. Deren Geschäftsführer Matthias Siekmann hat die Aufgabe, seine Unternehmen zu verkaufen und die Erlöser an den Karstadt-Quelle-Mitarbeiter-Trust zu überweisen, der Betriebsrenten früherer Quelle- und Karstadtmitarbeiter bezahlt.

Dabei setzt Siekmann offenbar auf den Private Equity Konzern Carlyle an den er schon 6 seiner Unternehmen verkaufte – unter anderem Baby Walz. Nun soll, so Gerüchte, auch Hessnatur an Carlyle gehen, der über 1000 Firmen besitzt. Darunter sind auch mehr als 20 Rüstungsunternehmen. Deshalb warnt attac vor einem Verkauf an diesen „Investor“. Für Carlyle arbeitete der frühere US-Präsident George Bush senior während der Präsidentschaftszeit seines Sohnes. Und Bush juniors Verteidigungsminister Donald Rumsfeld verschaffte Carlyle-Firmen Rüstungsaufträge im Wert von 1,4 Milliarden Dollar.

Quelle: taz 17.12.2010

Bank will 850 Millionen

Noch bis 10. August läuft die Frist des Essener Insolvenzgerichts, um den Warenhauskonzern Karstadt planmäßig aus der Insolvenz hereaus zu sanieren. Käufer Nicolas Berggruen, der alle Arbeitsplätze im Karstadt-Konzern erhalten will, muss sich dabei vor allem mit der Anlegergruppe „Highstreet“ auf niedrigere Mieten einigen.

Zur Erinnerung: Der frühere Boss des pleite gegangenen Karstadt-Mutterkonzerns, der ehemalige Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff, hatte die Karstadt-Häuser an Highstreet verkauft (Middelhoff hatte dort selbst Geschäftsanteile) und dafür gesorgt, dass Karstadt die Warenhäuser zu völlig überhöhten Preisen zurückmietet.

Innerhalb von Highstreet wehrt sich vor allem die Valovis-Bank gegen Mietsenkungen. Valovis hieß früher Karstadt-Quelle-Bank und lieh Highstreet 850 Millionen Euro für den Kauf der Karstadt-Warenhäuser. Bei niedrigeren Mieten müsste die Bank Wertberichtigungen vornehmen und länger auf die Kreditrückzahlung warten. Deshalb blockiert Highstreet die Rettung von Karstadt.

Quelle: taz 17.7.2010

Teuere Flüge

Der frühere Vorstandsvorsitzende des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor, Thomas Middelhoff, steht weiter auf der Ermittlungsliste der Staatsanwaltschaft. Jetzt geht es um völlig überzogene Reisekosten. Allein im Jahr 2006 soll der Spitzenmanager – der zuvor dem neoliberalen Speerspitzenkonzern Bertelsmann diente – 800.000 Euro verflogen haben. Mit dabei: Eine 86 Kilometer lange Reisestrecke für die Middelhoff das Flugzeug genommen haben soll.

Den feudalen Lebensstil und das von der Staatsanwaltschaft überprüfte Geschäftsgebaren Middelhoffs (er beteiligte an einem Immobilienfonds der Bank Sal.Oppenheim und des Immobilienmagnaten Josef Esch; dieser Fonds kaufte die Karstadt-Immobilien und vermietete sie teuer an die Handelskette zurück) müssen die Mitarbeiter ausbaden: 4000 Arbeitslose aus der Quelle-Zentrale in Nürnberg, und 26.000 Mitarbeiter in den verbliebenen 120 Karstadt-Filialen, die per Sanierungstarifvertrag auf 150 Millionen Euro Einkommen verzichten müssen.

Verlustreicher Aufschwung

Die „Frankfurter Rundschau“ kommentiert Meldungen zum Weihnachtsgeschäft und zur Jahresbilanz des Einzelhandels wie folgt:

Kann man noch ernsthaft von einem Aufschwung reden, wenn der Einzelhandel in diesem Jahr nach eigenen Schätzungen etwa zwei Prozent vom 2008 erreichten Umsatzniveau einbüßt?…

Es liegt an den Gewerkschaften, ob sie es schaffen, unter erschwerten Rahmenbedingungen höhere Löhne auszuhandeln, die nächstes Jahr die Kaufkraft stärken. Es liegt am Staat, ob er per Saldo mehr gibt als er nimmt…

Eins steht leider fest: Für viele Menschen im weniger erfolgreichen Einzelhandel – nicht nur bei Quelle und Karstadt – wird es angesichts wackelnder Jobs dieses Jahr kein Freuden-Fest geben.

Gut verhandelt

Davon träumt jeder Arbeitnehmer: Man hat einen Job, der mindestens für die nächsten vier Jahre sicher ist und der gut bezahlt ist. Dann kommt ein anderer Arbeitgeber und will einen unbedingt von diesem sicheren Job weglocken. Weil man aber weiß, dass die Firma des neuen Arbeitgebers in Schwierigkeiten steckt, tritt man den neuen Job nur an, wenn der Arbeitgeber mit seinem eigenen Geld dafür haftet, dass in den nächsten 5 Jahren das höhere Gehalt auch ganz bestimmt bezahlt wird.

Arbeitnehmer träumen davon – Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick hat es mit dem Bankhaus Sal.Oppenheim so gemacht: Statt 2,8 Millionen im Jahr bei der Telekom – noch mindestens 4 Jahre sicher – kam er für 3 Millionen im Jahr zu Arcandor – garantiert von der Bank auf 5 Jahre. Und jetzt wird kassiert, während die Beschäftigten von Karstadt und Quelle in die Röhre gucken.

Merke: Wer glaubt, seinen Arbeitsplatz durch Zugeständnisse beim Lohn an den Arbeitgeber sichern zu wollen landet in der Insolvenz – wer gut verhandelt bekommt in diesem Fall sein garantiertes Milionegehalt.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 31.8.2009

Beschäftigte bezahlten Gierige

Klaus Hubert Görg, Insolvenzverwalter des Arcandor-Konzerns fand deutliche Worte: Für kurzfristig lockergemachte Geldmittel ruinierten Inhaber (Madeleine Schickedanz) und Management (Thomas Middelhoff) die Substanz und die Ertragskraft der Unternehmen des Arcandor-Konzerns. Die 3700 Beschäftigten von Primondo/Quelle, die jetzt gekündigt werden, zahlen mit ihren Arbeitsplätzen für ein Management, das alle Vermögenswerte an undurchsichtige Finanzinvestoren verhökerte und sich dafür einen mehr als nur großzügigen Lebensstil gönnte. Aber nicht nur das: Die Arcandor-Beschäftigten – auch die in den Karstadt-Warenhäusern – haben seit Jahren auf Lohn verzichtet, weil sie hofften, damit das Unternehmen soweit retten zu können, dass sie ihre Arbeitsplätze behalten können. Doch das Geld ist in der Insolvenz im Kamin verschwunden – verbrannt auch von gierigen Managern. Oder mitden Worten der „Süddeutschen Zeitung“ (17.8.2009):

…Seit Donnerstag ist klar, dass 3700 Beschäftigte … ihre Jobs verlieren. Diejenigen aber, die den Handelskonzern ins Desaster geführt haben, sind abgetaucht… Auch von den Großaktionären Sal. Oppenheim und Madeleine Schickedanz ist nichts zu hören. Letztere jammerte zwar … auf peinliche Weise daürber, dass sie … Milliarden verloren hat und deswegen beim Discounter einkaufen muss. Aus der Aufarbeitung der Krise hält sie sich jedoch heraus. Bislang haben sich weder Schickedanz noch ihr Ehemann und Arcandor-Aufsichtsrat Leo Herl beim vorläufigen Insolvenzverwalter Görg … über den Stand des Verfahrens erkundigt.
Vielleicht schweigen alle aus gutem Grund. Bei Arcandor wurde offenbar nicht nur jahrelang krasse Misswirtschafts betrieben, der Vorstand lebte auch auf großem Fuß, während er den Beschäftigten Mehrarbeit und Lohnverzicht abpresste…

Bild betet vor

„Bild am Sonntag“ betet am Wochenende vor und alle anderen Zeitungen hecheln am Montag dem Leitmedium der neoliberalen Propaganda hinterher. In einer Rührseligkeits-Story über Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz wird das Bild der „armen Milliardärin“ beschworen, die angeblich fast alles verloren hat und angeblich fast wie ein Hartz-IV-Empfänger leben muss. Zum Propaganda-„Bild“ gehört auch die Pseudo-Selbstkritik „Ich habe viel zu spät bemerkt, dass ich die Kontrolle verloren hatte“.

Dass „Bild am Sonntag“ so was macht, war zu erwarten – das Volk muss schließlich durch gezielte Verblödung davon abgehalten werden, die Krisen-Verantwortlichen anzugreifen. Peinlich aber ist, dass diese Propaganda so umstandslos von allen nachgebetet wird und man kritische Anmerkungen – oder gar Nachrecherche zu den Vermögensverhältnissen der Frau Schickedanz und ihrer Verantwortung für die Insolvenz des Arcandor-Konzerns – unterbleiben fast ganz.