Schlagwort-Archive: Pleite

Systemrelevantes gehört in staatliche Hand

„Finanzen sind ein öffentliches Gut. Nichts anderes steht doch hinter dem Begriff „systemrelevant“ – man darf etwas nicht untergehen lassen, weil sonst das System wankt. Aber Systemrelevantes gehört nicht in private Hand. Sonst erleben wir immer wieder das gleiche: In guten Zeiten werden Gewinne privat angeeignet, in schlechten Zeiten werden die Verluste der Gesellschaft aufgehalst.“

Die Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“, in dem sie ihre Forderung nach einem Schuldenschnitt begründet.

Lehman kam nicht überraschend

Die Pleite der Lehman Brothers Bank kam keineswegs so überraschend, wie Politiker und Banker behaupteten. In einem Artikel zeichnet die „telepolis“ anhand der Berichte des Konkursgerichtes nach, wann die Behörden informiert waren und was unternommen wurde, um die lange absehbare Pleite zu verschleiern. Spätestens nach dem Zusammenbruch der Bear Sterns Bank war Lehman das am besten überwachte Insitut der USA. Die „Überraschung“ bestand lediglich in den Folgen von Verschleierungstaktiken.

In einem weiteren Artikel wird beschrieben wie der Bilanzbetrug funktionierte. Auch dieser Artikel beruht auf den Akten des Konkursgerichtes.

Firmenpleiten treffen 5 Millionen Arbeitnehmer

Rund 5 Millionen Arbeitnehmer waren laut Wirtschaftsauskunftei „Creditreform“ seit dem Jahr 2000 von Firmenpleiten betroffen. Die meisten Beschäftigten, die in einem der 340.000 Pleitebetriebe arbeiteten verloren durch Schließung oder „Sanierung“ ihren Arbeitsplatz. Den Gläubigern der Pleite-Unternehmen entstand ein Schaden von 250 Milliarden Euro.

Quelle: taz 29.12.2009

Teure Pleiten

Trotz bodenlosem Optimismus der Manager („Geschäftsklimaindex“) rechnet der Kreditversicherer Hermes mit einem Anstieg der Firmeninsolvenzen in diesem Jahr auf 33.800 Pleiten – ein Sechstel (15 Prozent) mehr als vor einem Jahr. Deutlich größer aber ist der Umfang der Pleiten. Laut „taz“ (18.11.2009) soll die Summe der gerichtlich angemeldeten Forderungen gegenüber insolventen Unternehmen auf 58 Milliarden Euro wachsen – mehr als das zweieinhalbfache des Vorjahreswerts (plus 162 Prozent).

Über 100 Banken pleite

Ende Oktober war es soweit: Die hundertste US-Bank ging Pleite (Stand 26.10.2009: 106) – soviele wie seit 20 Jahren nicht – geschlossen von der US-Bankenaufsicht FDIC (Federal Deposit Insurance Corporation = Bundes-Einlagensicherungsbehörde). Im Jahr zuvor, 2008, gingen 25 Banken pleite, 2007 nur 3.

Auf der FDIC-Liste stehen aktuell über 400 (Stand 26.10.: 416)  gefährdete Banken, zu Jahresbeginn waren es „nur“ 252. Insgesamt gibt es in den USA 8200 kleine und mittlere Banken, die dort die Rolle von Sparkassen und Genossenschaftsbanken übernehmen und die Kontoführung für den US-Durchschnittsbürger übernehmen.

Derzeit ist der US-Bankenmarkt völlig gespalten: Während die Großbanken, z.B. Goldman Sachs, mit Hilfe der Staats-Milliarden fette Gewinne einfahren gehen kleinere Banken pleite, weil die Kredite von Privatleuten und Kleinbetrieben reihenweise platzen. Derzeit entstehen die schlimmsten Verluste offenbar bei Krediten für Gewerbeimmobilien, da die Rezession in den USA in vollem Gange ist

Quelle: Süddeutsche Zeitung 26.10.2009

Pleite Nummer 77

Es ist eine Schnapszahl: Mit der Insolvenz der Colonial Bank – einem Institut mit 346 Filialen in fünf US-Bundesstaaten und einer Bilanzsumme von 25 Milliarden Dollar geht heuer die 77. US-Bank pleite. Gleichzeitig verdienen Großbanken wie Goldman Sachs kräftig am Geschäft mit staatlichen Milliardenhilfen und billigem Notenbank-Geld. Übrigens: Voriges Jahr gingen neben den Lehman-Brothers „nur“ 24 weitere Banken bankrott – die größte war die US-Sparkasse Washington Mutual mit einer Bilanzsumme von 307 Milliarden Dollar. Es wird erwartet, dass infolge der Bankenpleiten die Hypothekenkredite der US-Hausbesitzer noch einmal teurer werden.

Aber nicht nur die Kunden bezahlen: Auch der US-Einlagensicherungsfonds FDIC gerät langsam in Not: Die Colonial-Pleite wird ihn etwa 2,8 Milliarden Dollar kosten. Der Fonds, der im März noch mit 13 Milliarden Dollar kapitalisiert war, musste seitdem häufig einspringen und Experten meinen, dass sein Kapital fast aufgebraucht ist – so kostete die Pleite des Immobilienfinanzierers IndyMac den FDIC allein 10 Milliarden Dollar.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 17.8.2009

Karstadt wird nicht gerettet

Der Zynismus ist erschreckend: 23.000 Mitarbeiter der Karstadt-Kaufhaussparte des Arcandor-Konzerns werden bald ihren Job verlieren, weil es für die Firma, in der sie arbeiten, kein Geld aus dem staatlichen Rettungsschirm gibt. Sie haben das Pech, anders als die Opel-Arbeiter, für den Standort Deutschland nicht wichtig zu sein – sie sind schließlich nur Beschäftigte in der Niedriglohn-Branche Handel.

Es ist ja richtig, dass der ehemalige Manager des neoliberalen Musterkonzerns Bertelsmann und jetzige Arcandor-Boss Thomas Middelhoff schlecht managt. Und es ist auch richtig, dass das Konzept Kaufhaus schon lange in der Existenzkrise steckt. Doch das ist kein Grund, 23.000 Arbeitsplätze direkt und weitere 27.000 beim Arcandor-Konzern indirekt zu gefährden (und nebenbei viele deutsche Innenstädte dem „downgrading“ anheim zu geben).

Erste Fassung: 26.5.2009

UPDATE: taz-Autorin Beate Wilms weist in der heutigen Ausgabe (26.5.2009) auf einen weiteren Aspekt hin, der wohl dazu führt, dass der Staat Karstadt Pleite gehen lässt: die Mitarbeiter der bereits Pleite gegangenen Hertie-Warenhäuaser und von Karstadt waren diejenigen, die mit ihrer Gewerkschaft ver.di für bessere Löhne streikten, überall Betriebsräte installierten und auch Arbeitnehmervertreter in die Aufsichtsräte entsandten. Für die Neoliberalen, die staatliche Rettungsgelder verteilen, vielleicht ein zusätzlicher Grund, den Karstadt-Mitarbeitern Hilfe zu verweigern.

UPDATE 2 (4.6.2009): Der einzig ernst zu nehmende Diskussionsbeitrag, den die Kritiker von Staatsbürgschaften für Karstadt anführen ist, dass Mitbesitzerin Schickedanz, ein wenig Geld von ihren Milliarden für die Rettung ihres Unternehmens abzweigen könnte.

UPDATE 3 (5.6.2009): Das Quelle-Versandhaus – heute Teil des Arcandor-Konzerns – war mal sozial vorbildlich: Schon 1961 hatte diese Firma einen ganztägig geöffneten Betriebskindergarten, der es unter anderem einer 17-jährigen Schwangeren ermöglichte, dort eine Lehre zu machen, nachdem sie wegen ihrer Schwangerschaft vom Abitur ausgeschlossen wurde. Der Name des Mädchens: Renate Schmidt, später Abteilungsleiterin, Betriebsrätin und SPD-Bundestagsabgeordnete Renate Schmidt. (Quelle: Süddeutsche Zeitung). Wieder so Sozialklimbim, der weg muss – besonders jetzt, wo Einzelhandels-Angestellte wieder mal um Lohnerhöhungen streiken. Und da kommen auch Fusionspläne entgegen: Denn der von der Regierung favorisierte nächste Kaufhaus-Monopolist Metro ist nicht gerade als arbeitnehmerfreundlich bekannt. Abgesehen davon, dass das künftige Monopol mit der Schließung von 30 Karstadt und 10 Galeria-Kaufhof Filialen erkauft wird.

UPDATE 4 (9.6.2009): Bei der jetzt auch von der SPD favorisierten Fusion interessant ist ja, dass ausgerechnet die Wettbewerbsfanatiker hier ein neues Monopol schaffen. Mein Verdacht war ja immer schon, dass die volkswirtschaftlichen Konkurrenz-Modelle idealer Märkte mit der Praxis nix zu tun haben und die Bildung von Mono-/Oligopolen und Kartellen das eigentliche Ziel ist (um Mitarbeiter und Kunden besser ausbeuten zu können). Und noch was: Wenn man über Arcandor redet wird meist nur Karstadt erwähnt und Quelle vergessen. Dabei hängen auch am Versandhaus viele tausend Arbeitsplätze – nicht nur im Konzern, sondern z.B. auch 4000 bei der Post-Tochter DHL, die überflüssig wären, würde das Versandhaus im Strudel einer Insolvenz verschwinden (Quelle: Sonntag aktuell). Schließlich noch: Der rückzahlbare 437 Millionen Euro Notkredit entspricht 17.000 Euro für jeden der auf dem Spiel stehenden 26.000 Jobs. Langzeitarbeitslosigkeit kommt den Staat um ein vielfaches teurer!