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Arbeitslose „best ager“

Während alle Welt behauptet, die Arbeitsmarktchancen für über 55-jährige hätten sich verbessert, stellt der Deutsche Gewerkschaftsbund nüchtern fest: „Aktuell steigt die Arbeitslosigkeit bei den über 55-Jährigen wieder an (plus 1,5 Prozent) – während die allgemeine Arbeitslosigkeit im Juli 2011 gegenüber dem Vorjahr um fast acht Prozent zurückging“.

Quelle: telepolis, 26.8.2011

Arbeitslosigkeit und Deflation

Während sich die deutsche Politik im Wirtschaftswachstumswert sonnt, werden in den USA langsam die Krisenphänomene deutlicher: Der Anteil der Langzeitarbeitslosen – in der Regel sehr gering und selbst während der Krisen der 1980er-Jahre niemals über ein Viertel der Gesamtarbeitslosenzahl – hat den Rekordwert von 45 Prozent erreicht, fast jeder zweite US-Arbeitslose ist länger als ein Jahr erwerbslos. Außerdem verharrt die offizielle Arbeitslosenzahl bei 9,5 Prozent – und das in einem Land, das angeblich den flexibelsten Arbeitsmarkt aller Industrieländer hat.

Außerdem beträgt die offizielle Inflationsrate derzeit nur 1,1 Prozent und erste Spekulanten wie die Allianz-Tochter Pimco, der weltgrößte Anleihenfonds, investieren in US-Staatspapiere, da deren Wert bei einer Deflation steigt.

Das US-Wirtschaftswachstum ist mit 0,5 Prozent im ersten Quartal 2010 ohnehin schwach ausgefallen, weil die US-Amerikaner Konsumzurückhaltung üben, weil ihnen Geld fehlt oder sie mehr als früher sparen. Und wenn die Konjunkturprogramme der US-Regierung jetzt auslaufen dürfte sich das US-Wachstum weiter abschwächen.

Da die Notenbank bei einem Zinssatz von Null nicht mehr handlungsfähig ist und Geld nur noch über den Ankauf von Staatsanleihen Geld drucken kann müsste die Finanzpolitik den Nachfrageausfall von 2100 Milliarden Dollar innerhalb von zwei Jahren ausgleichen. Doch die riesigen US-Konjunkturprogramme schaffen davon gerade einmal die Hälfte. Damit droht das Japan-Szenario bei dem die Notenbank viel Geld in die Wirtschaft pumpt und die Preise trotzdem deflationär sinken (mit der Folge, dass Unternehmen keine Investitionskredite mehr bekommen, da sie für ihre Waren weniger Geld am Markt erzielen).

Quelle: Die Zeit (5.8.2010)

Genau hinsehen erhöht Erwerbslosenzahl

„…Was bedeutet es, dass im Mai etwa 3,2 Millionen Menschen offiziell arbeitslos waren?…
Wie unvollständig die Zahlen der Bundesagentur sind, führte … das Statistische Bundesamt vor, das die Unterbeschäftigung in Deutschland erhebt. Danach würden 8,6 Millionen Menschen zwischen 15 und74 Jahren gern mehr arbeiten…
Zählt man nur die offiziellen Erwerbslosen, dann steht Deutschland unter den 27 EU-Staaten sehr gut da: Zuletzt war es Platz 7… Wird jedoch auch die Unterbeschäftigung berücksichtigt landet Deutschland plötzlich weit hinten – auf Platz 20.
Arbeit ist ein knappes Gut in Deutschland. Es ist politisch nicht harmlos, dass diese Realität durch die Statistik der Bundesagentur verbrämt wird. Je weniger offiziell Arbeitslose es gibt, desto leichter lässt sich … verbreiten, dass die Arbeitslosen selbst schuld seien an ihrer Arbeitslosigkeit – und deswegen bestraft gehören, indem sie nur … Hartz IV erhalten.

Kommentar der taz (30.6.2010)

Mehr oder weniger

Börsianer und andere Wirtschaftsexperten feiern seit Monaten, dass die US-Arbeitslosenstatistik sinkende Zahlen meldet und leiten daraus kurssteigernde Zukunftserwartungen ab. Jetzt hat die Internet-Zeitschrift „Telepolis“ darauf hingewiesen, dass die US-Arbeitslosenstatistik die wahren Verhältnisse nicht wiederspiegelt:

  • In den USA tauchen nur Arbeitslose in der Statistik auf, die höchstens ein Jahr arbeitslos sind. Langzeitarbeitslose verschwinden aus den amtlichen Zahlen.
  • Die wahren Verhältnisse lassen sich am einfachsten aus der immer noch steigenden Zahl von Erstanträgen auf Arbeitslosenunterstützung ablesen – und aus der steigenden Dauer vom Beginn einer Arbeitslosigkeit bis zum Finden eines neuen Jobs.

So steigt die Zahl der Arbeitslosen real an, während die staatliche Statistik deren Zahl senkt. Und mit der in Wirklichkeit steigenden Arbeitslosenzahl wachsen auch die Probleme auf dem amerikanischen Immobilien- und Kreditkarten-Kreditmarkt an.

750.000 Arbeitslose mehr

Der zweite Vorsitzende der IG Metall, Detlev Wetzel befürchtet, dass im kommenden Jahr 750.000 Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie arbeitslos werden. Grund sei, dass trotz der leichten Erholung in diesem Jahr noch immer 20 bis 30 Prozent der Produktionskapazitäten dieser Branche nicht ausgelastet seien.

Wetzel sieht gegen die drohenden Kündigungen nur ein Mittel: weitere Arbeitszeitverkürzung. Anders als bei der bislang tariflich bereits möglichen Absenkung der Arbeitszeit von 35 auf 30 Wochenstunden ohne Lohnausgleich gehe dies aber nur noch bei einem teilweisen Lohnausgleich für die Arbeitnehmer.

Quelle: FR-Online

Krankhafter Exportdrang

Zwischen 1991 und 2008 stieg der Anteil des Exports am Bruttosozialprodukt Deutschlands von 26 auf 48 Prozent – also von einem guten Viertel verdoppelte es sich auf fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: Die angebliche Exportnation Japan exportiert nur 16 Prozent ihrer Waren und Dienstleistungen, ein Sechstel.

Mit der einseitigen Orientierung auf den Titel „Exportweltmeister“ einher ging die systematische Vernachlässigung der Binnenkonjunktur.Politiker sparten die öffentlichen Haushalte kaputt und investierten nicht mehr. Erreichten staatliche Investitionen in Schulen, Brücken und Verkehrswege 1991 noch 1 Prozent des Bruttosozialprodukts wurde in den Jahren von 2003 bis 2006 sogar mehr öffentliches Gut vernichtet als neu geschaffen.

Und auch die Arbeitnehmer mussten ihren Teil zum Exportweltmeister-Titel beitragen: Von 2000 bis 2007 stiegen in Deutschland die Reallöhne um rund 1,5 Prozent (obwohl in dieser Zeit die lohnsenkenden Regelungen der Hartz-Gesetze noch nicht wirken konnten). Französische Arbeitnehmer schafften mehr als 10 Prozent Reallohngewinn in diesen 7 Jahren und die Briten sogar 18 Prozent (Letzteres wohl wegen des in dieser Zeit eingeführten Mindestlohns).

Exportweltmeister heißt: im Jahr 2008 ein Handelsüberschuss von 176 Milliarden Euro – um diesen Betrag wurde mehr exportiert als importiert. Und ein „globales Ungleichgewicht“ bei dem Deutschland mit geradezu krankhaftem Exportdrang versuchte, seine binnenwirtschaftlichte Arbeitslosigkeit los zu werden, die durch zu niedrige Lohnsteigerung, steuerliche Umverteilung von Arbeits- zu Kapitaleinkommen und staatliche Sparhaushalte zustande kam.

Das dürfte einer der Hauptgründe sein, warum die Weltwirtschaftskrise Deutschland besonders hart trifft und deutsche Politiker – wie gerade Kanzlerin Angela Merkel – nichts anderes einfällt, als zu versprechen, dass das Land wieder Exportweltmeister werden müsse.

Quelle: Kostas Petropulos in der taz (29.6.2009)