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Zockerbörse

Das Kursfeuerwerk an den Börsen geht weiter: Der Dow Jones-Aktienindex, der im März bei 6500 Punkten lag, kletterte um rund 50 Prozent auf über 10.000 Punkte. Noch stärker schnellte der DAX nach oben – von 3600 auf 6500 Punkte.

Getrieben sind die Kurse von einer reinen Zockerbörse. Niemand investiert langfristig, es geht ausschließlich um Gewinne aus kurzfristigen Kursschwankungen. Spekuliert wird vor allem mit dem billigen Regierungsgeld, das angeblich der „Bankenrettung“

Dahinter steht vor allem die Kursentwicklung der börsennotierten Großbanken: Von einer „Marktkapitalisierung“, der weltweit an Börsen gehandelten Banken, die im März 3100 Milliarden Dollar betrug, kletterte dieser Wert auf das Doppelte: 6200 Milliarden Dollar – oder eine Pseudo-Wertsteigerung von 100 Prozent.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 26.10.2009

Mit Futures zocken

Eine „Bärenmarktrally“ – so der Chefökonom der UN-Entwicklungskonferenz UNCTAD Heiner Flassbeck, spielt sich gerade am Ölmarkt ab. Die Börsenzocker benutzen Futures, um die Preise nach oben zu treiben – ehe die Spekulationsblase platzt und die Preise wieder fallen werden.

Opfer der Börsenzockerei sind vor allem die Menschen in ärmeren Ländern für die Rohstoffe unerschwinglich teuer werden. Als Gegenmittel empfiehlt die UNCTAD hier verstärkte Lagerhaltung, um Preisschwankungen an den Rohstoffmärkten auszugleichen.

Zu diesem Zweck entstanden übrigens die Futures: Verträge mit Produzenten, über die Lieferung zu festen Preisen zu einem festgelegten Zeitpunkt in der Zukunft. Diese Verträge waren und sind frei handelbar an den Rohstoffbörsen. Doch was anfangs sinnvoll war, ist nun ein reines Zockerinstrument: Der Zahl der Rohstoff-Verträge (auch Ernten) hat sich in nur 10 Jahren verfünffacht. Beweis dafür, dass Spekulanten im Spiel sind: Im Oktober gingen mit den Aktienmärkten auch die Futures-Märkte nach unten – weil die Spekulanten wegen der Bankenpleiten nicht mehr genügend Kredite für ihre Rohstoff-Spekulation bekamen.

Quelle: Frankfurter Rundschau 8.9.2009

Vernünftiger Lord

Der Chef der britischen Finanzaufsicht FSA, Lord Adair Turner, hat in einem Interview eine Lanze für die Tobin-Steuer gebrochen. Die vom Nobelpreisträger James Tobin 1972 vorgeschlagene Steuer auf alle Devisen-Transaktionen ist für den britischen Bankenaufseher ein Mittel, um gegen die überhöhte Bezahlung von Bankmanagern vorzugehen: „Wenn man die exzessiven Gehälter in einem aufgeblähten Finanzsektor unterbinden will, muss man die Größe des Sektors verringern oder seine Gewinne besonderen Steuern unterwerfen“, sagte Turner in einem Interview mit dem Magazin „Prospect“ – und weiter „Und wenn höhere Kapitalvorschriften nicht ausreichen, bin ich gerne bereit, Steuern auf Finanztransaktionen in Betracht zu ziehen, Tobin-Steuern“.

Für die Londoner City, größter globaler Finanzplatz, ist dies ein Affront. Bislang haben britische Banker die Londoner Regierung aber noch fest im Griff: Das Finanzministerium giftete gegen Turner im gleichen Tonfall wie die Lobby der Spekulanten. Die britische Regierung ist härtester Gegner einer Tobin-Steuer, die von Organisationen wie attac gefordert wird.

Tobin wollte die Steuer – bei der ein geringer Prozentsatz auf Finanztransaktionen erhoben wird – um wilde Kursschwankungen an den Börsen einzudämmen. Die Kursausschläge entstehen nämlich vor allem, wenn an den Finanzmärkten spekuliert wird. Langfristige Entwicklungen werden dagegen von einer Tobin-Steuer kaum beeinflusst, da sie sehr niedrig ist.

Übrigens: In Deutschland sind die Regierungsparteien auch gegen Tobin-Steuern – jedenfalls konnte sich die SPD nicht zu einer Forderung, eine Börsenumsatzsteuer zu erheben durchringen.

Quelle: Frankfurter Rundschau 26.8.2009

Unverantwortlich und wahnsinnig

Die Finanzinvestoren zocken schon wieder ordentlich in Öl, die Bankmanager warnen schon wieder vor zu viel Regulierung, und die Politiker … streiten lieber um Steuersenkungen… Nicht besser das Finanzministerium und die Bundesbank. Die zentralen Krisenbekämpfer sprechen am liebsten über Exit-Strategien, wie sie nach der Krise wieder ordnungspolitisch sauber den Staatshaushalt sanieren wollen…
Jede einzelne Tat ist unverantwortlich, zusammengenommen verdichtet sich das Verhalten der Wirtschafts- und Parteien-Elite dieses Landes zum Wahnsinn. Sie spinnen, um es klar zu sagen, und gefährden damit Wohlstand, Jobs und Wachstum. Denn die Krise ist noch nicht einmal zur Hälfte ausgestanden. Der wichtigste Brocken ist noch nicht halbwegs aus dem Weg geschafft: die schlingernden Banken…
Das Problem: Wenn die Banken nicht von den toxischen Papieren befreit sind und gleichzeitig … zu wenig Eigenkapital besitzen, werden sie alles tun, um zu überleben… ,sie werden keine Risiken eingehen, sondern die gesamten Überschüsse zum Aufstocken der schwachen Eigenkapitalbasis verwenden… Also werden die Banken keine neuen Kredite mehr geben, weshalb immer mehr Firmen … insolvent werden.
Deshalb müssen die Banken viel härter angepackt werden… gilt es den Banken ihre Lieblingsspielzeuge aus der Hand zu nehmen. Dazu zählt der intransparente Handel mit Derivaten… genauso das kurzfristige Gezocke an den Terminbörsen für Devisen und Rohstoffe… Die Banken haben der Realwirtschaft zu dienen, durch die Vergabe von Krediten im Casino haben sie dagegen nichts zu suchen.

Robert von Heusinger in einem Kommentar der Frankfurter Rundschau (18.6.2009)

„Schöne“ Zockerrunden

In der „Frankfurter Rundschau“ (29.5.2009) hat sich Künstler Klaus Staeck mit dem realen Monopoly-Spiel an der Börse beschäftigt:

Schöne Zockerrunden gab es zwischen Bayer und Merck um die Schering-Übernahme. Aktienwerte steigen in schwindelnde Höhen. Alle konnten am Spieltisch nur gewinnen, insgesamt eine halbe Milliarde Euro – nur die freigesetzten Arbeitnehmer hatten sich mit den Synergieeffekten zu trösten.

Zocker sollten auch verlieren können

Die Übernahmeschlachten zwischen dem VW-Konzern und Porsche werden gerade als Familienstreit der beiden Porsche-Stämme inszeniert. Dabei geht es doch eigentlich um etwas anderes: Merger & Aquisitions (Fusion und Zukäufe) war eines der ganz großen Spiele im Finanzcasino: Mit geliehenem Geld „unterbewertete“ Firmen kaufen, die dortigen Belegschaften den Kauf bezahlen lassen (Personalabbau, Lohndrückerei) und dann Kasse machen.

Noch im vorigen Jahr wurde Porsche-Finanzvorstand Holger Härter bejubelt, als er sich mit hochriskanten Finanzspekulationen die 51-Prozent-Mehrheit an VW sicherte. Jetzt kann er nicht mehr bezahlen und VW übernimmt – konsequent – den Angreifer.

Auch als die Schaeffler-Gruppe sich an Conti verhob oder Pharmaunternehmer Merckle in tödliche Schieflage geriet war es dasselbe: Wer mit geliehenem Geld auf große Gewinne spekuliert, kann im Finanzcasino verlieren.

Peinlich bloß das Verhalten der Betriebsräte und ihrer Gewerkschaft IG Metall. In klassisch-neoliberaler Standortpolitik stützen die Arbeitnehmervertreter ihre jeweiligen Zocker-Vorstände. Hück bei Porsche und Osterloh bei VW und der IG Metall Vorsitzende Berthold Huber sollten jedoch genau ansehen, was bei Schaeffler passiert: Dort erfüllt sich die Hoffnung auf Arbeitsplatzsicherung durch Standortpolitik eben gerade nicht. Es ist zwar ein Gewinn, wenn auch in einem Nicht-Aktien-Unternehmen die Mitbestimmung eingeführt wird, aber die Fortführung der alten Standortpolitik erweckt bei den Arbeitnehmern bloß Hoffnungen, die nicht erfüllt werden können. Das mussten übrigens schon vor einiger Zeit die Standortpolitiker der IG Bergbau, Chemie, Energie erfahren. In dieser Branche haben die „Finanzinvestoren“ schon längst das Ruder übernommen – und gezeigt, dass ihnen Gewerkschaften, Betriebsräte und Arbeitnehmer bei ihrer Renditejagd reichlich egal sind.