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Trittin und Marx

Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin hat anlässlich des Films „der junge Karl Marx“ in einer kurzen Rede in einem Kino die fortbestehende Aktualität von Marx auf den Punkt gebracht. Einige Zitate daraus:

  • In den USA wie in Großbritannien hat man bis heute keine Scheu, von Kapitalismus zu sprechen, wenn man den Kapitalismus meint. In Deutschland neigt man dazu ihn auf die historische Sonderform einer Sozialen Marktwirtschaft zu reduzieren.
  • „ … jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebne Zeitfrist zugleich ein Fortschritt in Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit. … Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“ (Anm. Zitat aus „Das Kapital“)
  • Je entwickelter der Kapitalismus, je geringer das Wachstum.Man könnte daraus die These entwickeln, dass die Entwicklung der Produktivkräfte die Grundlage für eine angestrebte Wirtschaftsweise ist, die ohne Vernutzung globaler Gemeinschaftsgüter auskommt.Man kann aber auch die Schlussfolgerung daraus ziehen, die Donald Trumps Chefstratege Steve Bannon daraus zieht.Da Kriege sehr viel Produktivkräfte vernichten  -müssen man halt alle 80 Jahre einen großen Krieg führen. Dass stärke nicht nur die – weiße – Nation, sondern sorgt auch für hohe Wachstumsraten.

Krise und kommende Depression

In einem umfangreichen Hintergrundartikel mit vielen Querverweisen analysiert die „telepolis“ den aktuellen Stand der Krisen-Entwicklung, die Ursachen und die kommende wirtschaftliche Depression im Detail. Unbedingt lesen!!!

Hier einige Auszüge aus dem ersten und letzten Teil des Artikels:

Wir müssen uns nur vergegenwärtigen, dass die Kreditaufnahme eigentlich einen Wechsel auf die Zukunft darstellt, bei dem Finanzmittel im Hier und Jetzt zur Verfügung gestellt werden, die erst später vom Kreditnehmer erwirtschaftet und zurückgezahlt werden müssen. Und diese Kredite werden ja für Investitionen, Bautätigkeit oder Konsum aufgewendet. Somit schafft die Verschuldung eine zusätzliche, kreditfinanzierte Nachfrage, die stimulierend auf die Wirtschaft wirkt.

Es waren gerade diese Defizitkonjunkturen, die in der Epoche vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise in 2008 als maßgeblicher Motor der Weltwirtschaft fungierten. Hierbei handelt es sich um einen langfristigen, graduell an Intensität gewinnenden Prozess, der zeitgleich mit der Durchsetzung des Neoliberalismus und dem Aufstieg des Finanzsektors in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts einsetzte. Diese mit der Expansion der Finanzmärkte einhergehende Verschuldungsdynamik ging mit der Ausbildung von gigantischen Spekulationsblasen auf dem Finanzsektor einher, die ebenfalls – bis zu ihrem Zusammenbruch – stimulierend auf die Wirtschaft wirkten.

Es ist gerade diese in den vergangenen Jahren immer weiter gesteigerte betriebswirtschaftliche Effizienz, die den Kapitalismus auf volkswirtschaftlicher Ebene in einen regelrechten Verschuldungszwang treibt. Das System ist zu produktiv, um weiterhin seine Reproduktion innerhalb seiner Produktionsverhältnisse ohne Defizitbildung aufrechterhalten zu können.

Frei nach Marx ließe sich zusammenfassen: Die Produktivkräfte sprengen gerade die Fesslen der Produktionsverhältnisse. Diese kapitalistische Systemkrise ist also tatsächlich eine Krise des Kapitals. Das Kapital muss hier bei als ein soziales Verhältnis, als ein Produktionsverhältnis begriffen werden: Der Unternehmer investiert sein als Kapital fungierendes Geld in Maschinen, Arbeitskräfte und Rohstoffe, um in Fabriken hieraus neue Waren zu schaffen, die mit Gewinn auf dem Markt verkauft werden. Das hiernach vergrößerte Kapital wird in diesem uferlosen Verwertungsprozess des Kapitals reinvestiert, um wiederum noch mehr Waren herzustellen. Dieser Prozess der Akkumulation oder Verwertung von Kapital funktioniert nicht mehr ohne die besagte Schuldenmacherei.

Obwohl Lohnarbeit die Substanz des Kapitals bildet, strebt das Kapital zugleich danach, die Lohnarbeit möglichst weitgehend durch Rationalisierung aus dem Produktionsprozess zu verbannen: Der gleiche technische Fortschritt, der zum Arbeitsplatzabbau in den etablierten Industriezweigen führt, lässt aber auch neue Industriezweige entstehen. Schon immer gab es in der Geschichte des Kapitalismus einen Strukturwandel, bei dem alte Industrien verschwanden und neue hinzukamen, die wiederum Felder für Investitionen und Lohnarbeit eröffneten.

Dieser Strukturwandel funktioniert aber mit dem Aufkommen der dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik und Informationstechnologie nicht mehr. Die IT-Industrie schafft zwar Arbeitsplätze, aber ihre Technologien und Produkte erfahren eine gesamtwirtschaftliche Anwendung, bei der im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen weitaus mehr Arbeitsplätze verschwinden. Es findet ein Prozess des Abschmelzens der Lohnarbeit innerhalb der Warenproduktion statt: Immer weniger Arbeiter können in immer kürzerer Zeit immer mehr Waren herstellen.

Die wahren Krisenursachen liegen also konträr zu der populistischen Parole, wonach die Bevölkerung der Schuldenländer Europas oder der USA „über ihren Verhältnissen“ gelebt habe. Es verhält sich gerade umgekehrt: Der Kapitalismus hat ein derartig hohes Produktivitätsniveau erreicht, dass er nur noch durch ein „Leben über den Verhältnissen“, also durch Schuldenmacherei eine Zeit lang eine Art Zombieleben führen kann – bis zum großen Crash.

Kurzfristig wird das System mit Sicherheit in einer schweren Wirtschaftskrise versinken, sobald die Verschuldungsdynamik zusammenbricht, die den Kapitalismus – noch – am Laufen hält. Die anstehende globale Depression könne durchaus die Schärfe und Dramatik der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts erreichen, inklusive schwerwiegender sozialer und politischer Verwerfungen und Umbrüche. Der Wirtschaftseinbruch in Südeuropa wird nicht mehr von einem späteren Aufschwung abgelöst werden. Stattdessen findet in der Peripherie der EU ein dauerhafter wirtschaftlicher und sozialer Absieg statt, der die betroffenen Länder in ihrer zivilisatorischen Entwicklung zurückwerfen wird. Es ist, als ob die „Dritte Welt“ von sich Nordafrika über das Mittelmeer bis nach Südeuropa ausbreiten würde. Es findet derzeit ein Prozess des „Abschmelzens“ der reaktiven Wohlstandsinseln der „Ersten Welt“ im globalen Maßstab statt.

Die kommende globale Depression bildet dabei nur das jüngste Stadium eines langfristigen, weltgeschichtlichen Prozesses, bei dem das kapitalistische Weltsystem nach einer gut 500-jährigen Entwicklungsperiode an die dargelegte innere Schranke seiner Entwicklungsfähigkeit stößt und an seinen eskalierenden Widersprüchen zugrunde geht. Das System tritt nun in eine Phase des chaotischen Umbruchs ein, wobei die Richtung und der Ausgang dieses Prozesses nicht prognostizierbar sind.

Immer mehr Menschen fallen aus dem Prozess der Kapitalakkumulation heraus, sie werden „überflüssig“ – während der Druck auf die noch in Arbeit befindlichen Lohnabhängigen immer weiter wächst. Die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen im arabischen Raum etwa bildete eine wichtige Triebkraft der Umbrüche in dieser Region. Deutschland kann als eine Burnout-Republik bezeichnet werden, während in Südeuropa zweistellige Arbeitslosenraten erreicht werden.

Mit zunehmender Krisenintensität werden sich diese Widersprüche verschärfen. Das kommende Weltsystem kann viel schlimmer (hieratischer und diktatorischer) als das Gegenwärtige werden – oder auch besser, egalitärer und demokratischer. Mit Sicherheit kann aber jetzt schon konstatiert werden, dass die aus dieser Transformation hervorgehende Gesellschaft keine kapitalistische sein wird, da es das dargelegte Kapitalverhältnis selbst ist, das an seine inneren Grenzen stößt und die tiefere Ursache der gegenwärtigen Krise bildet.

Letztendlich scheint es angebracht, diese Krise auch als Chance wahrzunehmen; als Chance auf die Errichtung eines besseren, demokratischeren und egalitären Gesellschaftssystems. Bei Abstrahierung von den konkreten Formen kapitalistischer Vergesellschaftung nimmt die Krise ja einen regelrecht absurden Charakter an: Die Gesellschaft erstickt an ihrem Überfluss.

Der Kapitalismus verliert letztendlich seinen ewigen „Wettlauf mit den Maschinen.“ Weil zu viele Waren mit immer weniger Arbeitskräften hergestellt werden können, versinken immer mehr Bevölkerungsgruppen und Weltregionen in Marginalisierung und Verelendung. Die technischen und materiellen Voraussetzungen zur Errichtung einer Gesellschaft, die die Grundbedürfnisse aller Menschen weltweit befriedigt, sind aber objektiv gegeben.

Euro, Berlusconi, Dollar

Vor 3 Jahren war der Auslöser der Krise greifbar: Nach der Pleite der Bear Stearns Bank sorgte die Pleite der Lehman-Bank für das Platzen der US-Immobilienblase und den großen Finanzcrash. Diesmal ist die Suche nach dem Auslöser für die Talfahrt an den Börsen etwas schwieriger und viele nennen die Herabstufung der Bonität von US-Staatsanleihen durch Rating-Agenturen als das entscheidende Ereignis. Doch ein Artikel der „telepolis“ zeigt, dass schon einige Tage zuvor die Spekulanten auf Baisse setzten. Die spanischen Staatsschulden und Äußerungen des italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi scheinen diesemal der Beginn des Platzens der Aufschwungs-Blase gewesen zu sein.

Drei Mantras

„Vor der Krise dachten wir zu wissen, wie man Volkswirtschaften führen muss. Mit den drei Mantras: Deregulierung und Privatisierung führen zu Wohlstand. Sich selbst regulierende Finanzmärkte sorgen dafür, dass Ressourcen produktiv eingesetzt werden. Und einfache Regeln für Geld- und Fiskalpolitik garantieren Stabilität. In der Krise ist das zusammengefallen“.

Dominique Strauss-Kahn, IWF-Direktor (Quelle: taz, 15.4.2011)

Kein Ende der (Immobilien-)Krise

In den USA, wo die aktuelle Finanzmarktkrise mit dem Platzen einer Immobilienkreditblase begann, bleibt dieser für die US-Binnenwirtschaft wichtige Markt extrem schwach. Derzeit wird nur noch mit 3,8 Millionen verkauften Immobilien für dieses Jahr gerechnet – fast eine Million weniger als Anfang des Jahres erwartet. Im Land wurden außerdem nur 276.000 neue Häuser statt der dort erwarteten 330.000 verkauft. Schlechte Aussichten für eine Wirtschaft, die in sieben der acht Spekulations-, Konjunktur- und Wirtschaftskrisen durch einen boomenden Immobilienmarkt aus dem Depressionstal gezogen wurde. Die US-Wirtschaft hat wahrlich den von „telepolis“ in diesem Zusammenhang festgestellten Schüttelfrost.

Das System überwinden

In einem lesenswerten, vierteiligen Artikel unter dem Titel „Welche Wege führen aus der Krise?“ macht sich die „telepolis“ Gedanken zu den systembedingten Krisenursachen und zeigt ein paar Wege zur Systemüberwindung auf.

In dem Artikel wird zunächst noch einmal rekapituliert, dass der neoliberale Finanzmarktkapitalismus als Reaktion auf die Staatsschulden-Krise am Ende des keynesianisch-fordistisch-tayloristischen Modells von Massenproduktion und Massenkonsum entstand. Und es wird noch einmal darauf hingewiesen, dass in der chaotischen, kapitalistischen Konkurrenz die Produktivkraftentwicklung zu Massenarbeitslosigkeit und Massenarmut bei gleichzeitigem Super-Reichtum der Kapitalisten und ihrer Manager sowie körperlicher und psychischer Überlastung der weniger werdenden Arbeitnehmer, der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen untergräbt. Die innere Grenze des Widerspruchs zwischen betriebswirtschaftlicher Kostensenkung und dem Zwang, auf dem Markt immer mehr Produkte absetzen zu müssen ist ebenso unauflösbar wie die äußere Grenze, dass soziale und ökologische Kosten der Produktion nicht beliebig aus den Bilanzen herausgerechnet werden können.

Weiter wird darauf hingewiesen, dass systeminterne Lösungen der Krise unmöglich sind. Weder das Warten auf eine neue Schlüsselindustrie, noch die Hoffnung darauf, wieder „Exportweltmeister“ werden zu können, sind Lösungen der Krise. Es ist notwendig, in einer radikalen Kapitalismuskritik, die weit über den Arbeiterbewegungs-Marxismus hinausgeht (dieser hat immer den Fetischcharakter der Waren verkannt und die „abstrakte Arbeit“ wie der Liberalismus als „Naturgesetz“ betrachtet), in Richtung einer selbstbestimmten Planung durch Produzenten und Gesellschaft zu denken. Und der Artikel zählt hier das eine oder andere beachtenswerte Denk- und Praxismodell auf.

Nächste Krise spätestens 2011

Der leitende Manager des Assenagon-Fonds, Jochen Felsenheimer, macht in einem Interwiew mit der „Frankfurter Rundschau“ deutlich, dass die nächste Finanzmarktkrise in Kürze zu erwarten ist. Felsenheimer sagt das Platzen der derzeitigen Blase für nächstes Jahr, spätestens 2011 voraus. Einige Zitate aus dem Interview:

Die krisenverursachenden Mechanismen bestehen fort, an ihnen wurde nichts geändert. Solche Finanzkrisen, wie wir sie gerade erleben, sind systemimmanent – also nichts, was alle hundert Jahre mal passiert, weil dumme Zufälle zusammentreffen. So wie der Markt organisiert ist, wird es in regelmäßigen Abständen immer wieder zu Krisen kommen – und die Frequenz hat sich stark erhöht…

Überbordende Liquidität ist der Verursacher der Krise, die man wiederum mit der Bereitstellung von noch mehr Liquidität versucht zu beheben…

Dazu kommt der Rückfall in das Moral-Hazard-Verhalten der globalen Banken, die immer höhere Renditeziele verfolgen, regulatorische Fehlanreize und intransparente Bewertungsmethoden für komplexe Finanzprodukte…all diese Problemfelder wurden gar nicht oder nur völlig unzureichend behoben…

ist das System schon wieder zu stark aufgepumpt. Wird die Liquidität jetzt schnell herausgezogen, werden die Anlage-Märkte ganz massiv darunter leiden. Dubai hat den Finger in die Wunde gelegt: Wir stehen vor einem globalen Refinanzierungsproblem, das nicht nur Unternehmen und Banken betrifft, sondern auch Staaten…

Das wird im Jahr 2010 ein entscheidendes Thema sein. Und für eine schärfere Regulierung wurde der Zeitpunkt verpasst. Aus Sicht der Finanzindustrie besteht ja überhaupt kein Anreiz, die krisenursächlichen Mechanismen zu ändern – die Situation privatisierter Gewinne bei gleichzeitiger Sozialisierung von Verlusten ist doch äußerst komfortabel…

Wenn das System nicht signifikant verändert wird, dann entstehen in regelmäßigen Abständen Krisen. Das schlimme daran ist ja nicht die Krise selbst. Sie ist eigentlich nur ein Anpassungsprozess im Markt, der sich zu weit vom Gleichgewicht wegbewegt hat. Das Schlimme ist, dass Gewinne immer privatisiert und Verluste sozialisiert werden…