Schlagwort-Archive: Deflation

Hoffnung auf eine weiche Landung

„Institutionelle Anleger“ wie Lebensversicherer oder Pensionsfonds gehen gegenüber ihren Kunden langfristige Verpflichtungen ein – schließlich will der Mensch, der jahrzehntelang Sparbeträge einzahlt, diese am Ende auch ausbezahlt bekommen – möglichst mit Zinsen und ebenfalls verteilt auf viele Monate und Jahre. Deshalb betreiben diese Firmen „Risikomanagement“, um sich gegen möglichst viele Risiken ihrer Kapitalmarkt-Anlagestrategie so gut wie möglich abzusichern. Zu diesem Risikomanagement gehört selbstverständlich auch eine Einschätzung der konjunkturellen Entwicklung. Und diese hat sich in diesem Jahr doch deutlich verändert. Zwar gehen Lebensversicherer beispielsweise schon länger davon aus, dass nach mehr als 10 Wachstumsjahren nun das Ende des Konjunkturzyklus kommen wird. Doch ob aus dem „late growth“ eine Abschwung mit „sanfter Landung“ wird oder eine „secular stagnation“ wird, hat sich in der Risikowahrscheinlichkeit deutlich verschoben. Das Risiko eines Konjunkturabsturzes wird derzeit immerhin mit rund 40% bewertet – gegenüber dem auf 55% nach unten korrigierten Szenario des sanft auslaufenden Konjunkturzyklus.

Und weil „institutionelle Anleger“ wichtige Akteure am Kapitalmarkt sind – sie verwalten hunderte Milliarden Euro – werden diese Risiken derzeit „eingepreist“. Die heftigen Kursverluste am Aktienmarkt erklären sich so. Gleichzeitig aber suchen die großen Geldsammler weiter verzweifelt renditeträchtige Anlagemöglichkeiten, auch wenn diese in einem überhitzten Immobilienmarkt zu sozialen Verwerfungen führen, die staatlich regulierte Renditebegrenzung geradezu herausfordern. Auch der Markt „alternativer“ Anlagen, beispielsweise direkte Unternehmensanleihen, kommt an seine Grenzen.

Deswegen wird nun deutlich, dass solche „Risikoabsicherung“ innerhalb des kapitalistischen Wachstumssystems auf Dauer nur begrenzt funktionieren kann. 2008 hat die Finanzwelt (und später dann die ganze kapitalistische Realwirtschaft) in den Abgrund geblickt – und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass in den nächsten Monaten „die Märkte“ erneut in dieses schwarze Loch fallen; selbst wenn dieses „tail end“ Risiko derzeit nur mit 5% „bewertet“ wird. Die 5% sind eine Zahl die nur die irrationale Hoffnung ausdrückt, dass der real-existierende Kapitalismus innerhalb seiner Spielregeln weiter existieren kann.

Dabei ist genau das mehr als fraglich. Die Klimakrise verschärft sich täglich (und von dem noch vor zwei Jahren lautstarken Hype nach „nachhaltigen Investitionen“ ist an Finanzmärkten nichts nennenswertes mehr übrig geblieben); die „Märkte“ „lieben“ rechtsautoritäre Regimes wie das von Trump, Bolsonaro und in Singapur (und beweisen, dass der Kapitalismus Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht braucht solange die Halb- und Volldiktatoren sozialen Protest gegen die Folgen eines entfesselten Rendite-Konkurrenz-Kapitalismus unterdrücken); und nur die Staatsverschuldiung in Italien wird mit Zinsaufschlägen „bestraft“.

Es ist absehbar, dass die Anleger-Herde wie 2008 die Nerven verlieren wird und das fragile Kapitalmarktsystem erneut in den Abgrund reißen wird. Der wird tiefer als 2008, weil die Strategie des „billigen Geldes“ der Zentralbanken absehbar wirkungslos bleiben wird. In der dann entstehenden Krise, die sicher deutlich größer sein wird als vor 10 Jahren, ist es geradezu zwangsläufig, dass der Renditekapitalismus noch einmal sein hässliches Haupt aus Massenarbeitslosigkeit, Umweltzerstörung und diktatorischer Missachtung der Menschenrechte bis hin zu kleinen und großen Kriegen erheben wird.

Die Frage ist nur noch, wann dieses realistische Szenario der Krisenverschärfung eintritt. Aktuell hoffen die restlichen Mittelschichten in Europa und Nordamerika darauf, dass der Wunsch ihrer „institutionellen Anleger“ in Erfüllung geht und es eine „sanfte Landung“ gibt. Dass es die aber gar nicht geben kann, weil der Kapitalismus als Gesellschafts- und Wirtschaftssystem die Zerstörung der menschlichen Arbeit und der umgebenden Natur vorantreiben muss, um weiter „Kapitalverzinsung“ zu generieren, ist eine Debatte, die innerhalb des Systems nicht möglich ist.

Diener des Finanzmarkts

In einem größeren Hintergrundartikel beleuchtet die „telepolis“ das Ausmaß und mögliche Folgen der derzeitigen Politik der US-Notenbank „Fed“ (=Federal Reserve), massenhaft US-Staatsanleihen zu kaufen. Es geht dabei vor allem um die drohende Mega-Deflation infolge eines inflationären Aufblähens der Finanzmärkte infolge der US-Niedrigzinspolitik. Einige wichtige Zitate aus dem Beitrag:

„…Sowohl Alan Greenspan als auch Ben Bernanke gehörten eigentlich ins Gefängnis. Die Anklagepunkte lauten: rücksichtsloses Herbeiführen von Börsenblasen, Schüren der Inflation, Enteignung des Mittelstandes durch deflationäre Schocks, Massenmord in der Dritten Welt durch Inflation der Nahrungsmittelpreise sowie das Herbeiführen von Verschuldungsorgien, die Währungskrisen und Staatsbankrotte auslösen können…

Mittlerweile besitzt die Fed mehr Staatsanleihen (Treasuries) als die Volksrepublik China. So betrug das Volumen an Treasuries, Schatzwechseln und anderen US-Schuldtiteln im Besitz der Notenbank in der vergangenen Woche 1,11 Billionen US Dollar. Die von China gehaltenen Bestände belaufen sich laut einer Statistik des US-Finanzministeriums nur noch auf 896 Milliarden US-Dollar. Nur um die Zinsen der gemachten Schulden zu bezahlen, wird in den führenden Industrienationen zukünftig mehr als ein Drittel des Bruttosozialproduktes dafür verwendet werden müssen…

Die Weltwirtschaftskrise sollte mittels Milliardenspenden auf Kosten des normalen Bürgers behoben werden, um einige wenige Spekulanten vor dem verdienten Untergang zu retten. Das schwarze Loch der Finanzmärkte als Fass ohne Boden legte den Nährboden für zukünftige Staatspleiten.

Die Scheckheft-Orgien von Paulson und Bernanke zu Lasten des Mittelstandes dürften eine der größten Dreistigkeiten der Wirtschaftsgeschichte sein. Die Beliebigkeit, gemäß derer einzelne Firmen überleben und andere Pleite gehen mussten, ist an krimineller Energie kaum zu überbieten. Die Aktionäre sollten bei allen Rettungsaktionen bluten, während die Anleihebesitzer auf Teufel komm raus gerettet werden sollten…

Wer nicht weiß, wie viel Geld hier vernichtet wurde, dem soll dies durch das Ausschreiben der Zahl verdeutlicht werden: 12,3 Billionen USD = 12,300 Milliarden USD = 12,3 Millionen Millionen USD oder anders ausgedrückt 40.000 USD pro Bürger, ob Kleinkind, Steuerzahler oder Greis. Eine unvorstellbare Summe in kürzester Zeit.

Benötigen andere Generationen für die Anhäufung einer solchen Schuld Jahrzehnte, so gelang dies der Generation Bankster in nur wenigen Jahren – und dies alles gemäß der Devise: Geliehenes Geld muss nicht zurückbezahlt werden, das übernehmen andere für dich…

Fast hat es den Anschein, dass in den USA Bankster regieren, während das Repräsentantenhaus und der Kongress die Rolle von abnickenden Marionetten spielen müssen. Hierbei agiert die Fed als globales Pfandhaus, wobei sie etwa 9 Billionen USD auf 18 Finanzinstitute verteilte, indem sie alles, was die Banken besaßen, als Sicherheiten hereinnahm. Damit wurde in den USA die erste postmoderne Pfandhaus-Ökonomie begründet, die im noch längst nicht beendeten Quantitative-Easing ihren Höhepunkt fand. Man verpfändet alles, was man an Vermögen hat, nur um nicht in die Versuchung des Sparens zu kommen. Konsum um jeden Preis, bis auch das Pfandhaus pleitegeht.

Selbstverständlich ist es einem Pfandhaus auch egal, was die Finanzdienstleister mit dem von der Fed geliehenen Geld anstellten. Ob sie es wie Goldman Sachs zum Zocken verwandten oder wie JP Morgan Silber shorteten, die Ausleiher der Geldes mussten keine Rechenschaft darüber ablegen, was sie mit dem Geld anstellten. Es geht bei diesen Transaktionen nur darum, die Spielschulden der amerikanischen Finanzaristokratie zu begleichen…

Ben Bernanke hat die amerikanische Verfassung mit Füssen getreten und ist damit der erste postmoderne Finanzterrorist. Er ist schlimmer, als ein Bin Laden je sein könnte, weil er die gesamte westliche Welt mit seinen Aktionen ins Finanz-Nirwana schickt.Der Mann, der angetreten ist, die Deflation mit einer hohen Inflation zu bekämpfen, wird ab einem bestimmten Zeitpunkt die größte Deflation erzeugt haben, die die USA je gesehen haben, wenn nicht die Notbremse einer neuen Weltwährung gezogen wird. Ben Bernankes Irrtum ist, dass er glaubt, mehr Geld erzeuge gleichzeitig mehr Wachstum. Doch was geschieht, wenn das Geld nicht in den Markt gelangt. Wenn immer mehr Menschen verarmen und Unternehmen zahlungsunfähig werden, wer soll dann Kredite schöpfen? Wer soll konsumieren?…“

Und hier die Links zu den 4 Teilen des Artikels:

Der „Gazillion“-Betrug der Federal Reserve, Scheckheft-Orgien, Der Mega-Bankraub, Die Erfindung der Pfandhaus-Ökonomie

Inflationsdruck steigt

Der geplante Ankauf von weiteren 600 Milliarden Dollar US-Staatsanleihen durch die amerikanische Zentralbank wäre eigentlich ein vernünftiger Startschuss für eine moderate Inflationspolitik bei der mit Inflationsraten von 5 bis 8 Prozent jährlich eine Teilenteignung der Vermögensbesitzer stattfinden könnte. Doch nach den US-Wahlen ist nicht mehr damit zu rechnen, dass Regierung und Zentralbank zum Wohle von Arbeitnehmern, Rentnern und der Konjunktur zusammenspielen können. Ebensowenig wird das Signal in Europa gehört, wo derzeit ein deflationäres Sparprogramm nach dem anderen aufgelegt wird.

Das Ergebnis ist absehbar. Die US-Notenbank wird weiter Staatsanleihen kaufen, im verzweifelten Versuch, die Konjunktur anzukurbeln, die vom Parlament durch Steuergeschenke für die Reichen und staatliche Sparprogramme abgewürgt wird. Und weil diese Deflationspolitik auch in Europa gefahren wird, steigt der Inflationsdruck in den USA erheblich an und wird sich irgendwann in Form einer extrem hohen Inflationsrate Bahn brechen (wobei dann die Opfer die Sparer sein werden, die ihr Geld in Wertpapieren und Lebensversicherungen anlegen).

Merke: moderate Inflations plus Sozial- und Konjunkturprogramme sind der einzige Ausweg aus Überproduktionskrisen (denen Geldspekulationskrisen folgen). Ansonsten greift das harte Programm: Enteignung der Mittel- und Unterschicht in der Deflationsphase und anschließende Hyperinflation zur Entwertung aller Geldersparnisse.

Arbeitslosigkeit und Deflation

Während sich die deutsche Politik im Wirtschaftswachstumswert sonnt, werden in den USA langsam die Krisenphänomene deutlicher: Der Anteil der Langzeitarbeitslosen – in der Regel sehr gering und selbst während der Krisen der 1980er-Jahre niemals über ein Viertel der Gesamtarbeitslosenzahl – hat den Rekordwert von 45 Prozent erreicht, fast jeder zweite US-Arbeitslose ist länger als ein Jahr erwerbslos. Außerdem verharrt die offizielle Arbeitslosenzahl bei 9,5 Prozent – und das in einem Land, das angeblich den flexibelsten Arbeitsmarkt aller Industrieländer hat.

Außerdem beträgt die offizielle Inflationsrate derzeit nur 1,1 Prozent und erste Spekulanten wie die Allianz-Tochter Pimco, der weltgrößte Anleihenfonds, investieren in US-Staatspapiere, da deren Wert bei einer Deflation steigt.

Das US-Wirtschaftswachstum ist mit 0,5 Prozent im ersten Quartal 2010 ohnehin schwach ausgefallen, weil die US-Amerikaner Konsumzurückhaltung üben, weil ihnen Geld fehlt oder sie mehr als früher sparen. Und wenn die Konjunkturprogramme der US-Regierung jetzt auslaufen dürfte sich das US-Wachstum weiter abschwächen.

Da die Notenbank bei einem Zinssatz von Null nicht mehr handlungsfähig ist und Geld nur noch über den Ankauf von Staatsanleihen Geld drucken kann müsste die Finanzpolitik den Nachfrageausfall von 2100 Milliarden Dollar innerhalb von zwei Jahren ausgleichen. Doch die riesigen US-Konjunkturprogramme schaffen davon gerade einmal die Hälfte. Damit droht das Japan-Szenario bei dem die Notenbank viel Geld in die Wirtschaft pumpt und die Preise trotzdem deflationär sinken (mit der Folge, dass Unternehmen keine Investitionskredite mehr bekommen, da sie für ihre Waren weniger Geld am Markt erzielen).

Quelle: Die Zeit (5.8.2010)

Deutsche Politik ist Gefahr für Europa

Der Spekulant und Mäzen George Soros macht in einem Interview mit der „Zeit“ (24.6.2010) Deutschland schon jetzt für einen möglichen Euro-Kollaps verantwortlich. Einige wichtige Zitate daraus:

Weil auch die Gläubiger der Welt – vor allem Deutschland und China – etwas zur Überwindung der Krise beitragen müssen. Deutschland möchte alle Anpassungslasten den Schuldnerländern aufbürden. Die sollen ihre Ausgaben kürzen. Doch müssten auch die Gläubiger etwas tun: mehr Geld ausgeben und für Wachstum sorgen. Schließlich leidet die Weltwirtschaft an mangelnder Nachfrage und hoher Arbeitslosigkeit…

Bislang rühmt sich Detuschland, auch hier wieder nur einzuzahlen – während die anderen in Europa das Geld in Empfang nehmen. Wenn das Geld zur Sanierung der Banken verwendet würde, müsste Deutschland mehr Geld nehmen, als es einzahlt. Schließlich stecken Ihre Banken tief im Schlamassel. Das würde in Deutschland die ganze Sicht auf die Krise ändern – und zu Recht, denn Deutschland ist für ihre Verschärfung mitverantwortlich…

Aber die deutsche Politik ist eine Gefahr für Europa, sie könnte das europäische Projekt zerstören. Stabilität heißt nicht nur keine Inflation, sondern auch keine Deflation. Im Moment treiben die Deutschen die Nachbarn in eine Deflation: Die Schuldenstaaten müssen Löhne und Preise reduzieren. Es droht eine lange Phase der Stagnation. Und die führt zu Nationalismus, zu sozialen Unruhen, zu Fremdenfeindlichkeit. Sie gefährdet also die Demokratie…

Die Deutschen wollen exportieren, sie wollen eine harte Währung… Aber warum lassen sie die Löhne nicht stärker steigen? Das würde anderen EU-Staaten helfen, aufzuholen. Der sinkende Euro-Kurs gibt dafür Spielraum, ohne ihre Exportchancen zu beieinträchtigen…

Wenn die Deutschen ihre Politik nicht ändern, wäre ihr Austritt aus der Währungsunion für den Rest Europas hilfreich. Der Euro-Kurs würde verfallen, die D-Mark aufwerten. Und spätestens dann würden die Deutschen merken, wie unangenehm eine überbewertete Währung sein kann. Die Arbeitslosigkeit würde steigen, weil der Export einbräche.

Inflations-Armut

In die Debatte um die Frage, ob die Finanzmarktkrise nun Inflation oder Deflation produziert (sie produziert zuerst – in der wirtschaftlichen Depression – Deflation und später dann (Hyper-)Inflation), hat jetzt die „telepolis“ einen interessanten Aspekt eingebracht, der weniger die theoretische Debatte befeuert, sondern auf die Machtverhältnisse aufmerksam macht. Danach wäre eine (zur staatlichen Schuldentilgung durch Enteignung der Finanzmärkte eigentlich wünschenswerte) moderate Inflation gerade für die Empfänger von staatlichen Transferleistungen (Hartz IV) negativ, da bei keiner in Deutschland denkbaren Regierungskoalition diese Leistungen an die Inflationsrate angepasst würden.

Die Debatte, was nun praktisch folgen wird löst dann ein Kommentar zu diesem „telepolis“-Artikel richtig in Richtung Deflation auf:

„Was steht im Sparpaket ganz offiziell drinnen? 100 Milliarden hat das Volk für die Bankenrettung aufzubringen. Die fehlen erst mal beim Konsum und landen im Finanzsektor…Diese hundert Milliarden werden also dem Konsum fast gänzlich entzogen und der Rest des Sparpakets wikt ebenfalls in diese Richtung. Was wird das Ergebnis sein ? Doch wohl Deflation…“

Inflation? Deflation? Beides!

Was kommt den nun? Inflation oder Deflation? Die Antwort ist einfach: Beides! Die Geschichte des Nachkriegs-Kapitalismus zeigt’s: Steigende Kaufkraft der Lohnabhängigen sorgte für Massenkonsum und Wirtschaftswachstum. Als dieses sich in gesättigten Märkten abschwächte stiegen die Sozialstaats-Kosten und die Staatsschulden wuchsen – die Inflation zog an. Es folgte die neoliberale Krisenbewältigung: Deflation durch Lohnsenkung und Entfesselung der Finanzmärkte, die phantasievolle Kreditprodukte bereitstellten. Die Staatsschulden sanken, die privaten Schulden wurden größer. Dann platzte die Kreditblase der Banken und die Staaten verschuldeten sich, um die Banken zu „retten“. Und jetzt platzt die so entstandene Staatsschuldenblase. Verzweifelt versuchen jetzt die Regierungen, mit erneuten Lohn- und Sozialkürzungen zu „sparen“, um die Kredite an den Finanzmärkten bedienen zu können. Die Folge ist Deflation: Der Zusammenbruch der Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Und dann kommt unausweichlich die Inflation: Auch der letzte Bürger muss enteignet werden, damit die Schulden bezahlt werden können. Am Ende hoffen die Finanzmärkte, dass ein neuer Zyklus aus Massenproduktion und Massenkonsum beginnen kann. Dumm nur, dass es keine wachsenden Märkte mehr gibt (weil alles, was global verkauft werden kann, bereits produziert wird und weil die Naturvernutzung in Form der Klimakrise an ihre katastrophalen Grenzen stößt). Und die griechischen Proteste zeigen, dass dieser Prozess aus Deflation und Inflation nicht friedlich ablaufen kann.

Verrückte Wetten

In der „Frankfurter Rundschau“ (16.10.2009) warnt Robert von Heusinger, dass die derzeitige Börsen-Rallye, die sich aus vorgeblich guten Wirtschaftsnachrichten speist, keine reale Grundlage hat:

Können wir die Krise endgültig abhaken? Der Blick auf die Finanzmärkte legt dies nahe: Die Party dort scheint immer großartiger zu werden… Die Konjunkturexperten erklären die Rezession für beendet… Ist alles gut?

Nein. Es ist überhaupt nichts gut. Die schwerkranke Weltwirtschaft wird mühsam mit Spritzen am Leben gehalten. Dass die Aktienmärkte derart ausgelassen feiern lässt nur einen Schluss zu: Die spinnen, die Börsianer!…

Schwere Zeiten voraus! Aktienkurse sind nichts anderes als eine Wette auf die mittelfristige Gewinnentwicklung der Firmen. Die Gewinne einer Volkswirtschaft steigen nur dann, wenn die Wirtschaft wächst. Das tut sie zwar zur Zeit, aber nur, weil die Notenbanken und Regierungen mit Nullzinsen und massiven Konjunkturprogrammen gegen den Absturz ansteuern…

Die … Frage lautet: Wo kommt nachhaltiges Wachstum her? Das ist nicht in Sicht!… Der US-Konsument, der die vergangenen zehn Jahre mit seinen Verschuldungsexzessen für das Gros des Wachstums verantwortlich war, fällt als Lokomotive aus…

Die extreme Unterauslastung der Kapazitäten und die weltweit steigende Arbeitslosigkeit bleibt nicht ohne Auswirkung auf die Lohnentwicklung… Dann aber herrscht Deflationsalarm. Wenn die Löhne fallen, purzeln auch die Inflationsraten, sprich die Firmen senken die Preise für ihre Produkte… Bislang ist die hässliche Deflation in jeder großen Finanzkrise aufgetreten…

Man muss gar nicht schwarzmalen, um den Hype an der Börse für verrückt zu erklären. Man muss nur lesen, was die Volkswirte der US-Notenbank schreiben, oder die des Internationalen Währungsfonds oder der Europäischen Zentralbank. Sie alle wissen besser als jeder Anleger, wie es um die Banken wirklich steht. Und sie alle warnen, dass … die Volkswirtschaften noch nicht wieder richtig Tritt gefasst haben…

Die Hausse am Aktienmarkt basiert auf einer gedopten Wirtschaft. Zum Einsteigen ist es viel zu spät. Aussteigen geht noch.

Reallöhne sinken weiter

Auch im zweiten Quartal 2009 sind die Reallöhne in Deutschland gesunken – und zwar um kräftige 1,2 Prozent. Damit beschleunigt sich die Lohn-Deflation. Im ersten Quartal des Jahres betrug das Lohn-Minus gegenüber dem Vorjahr lediglich 0,4 Prozent. Grund für den Rückgang sind vor allem niedrigere Sonderzahlungen (Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Gratifikationen, Gewinnbeteiligungen), die um fast 10 Prozent niedriger ausfielen als im Vorjahr.

Der Durchschnittslohn im produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich lag in diesem Zeitraum übrigens bei 3128 Euro monatlich für Vollzeitbeschäftigte – mit einer Spreizung von 1885 Euro im Gastgewerbe bis zu 4171 Euro in der Energiewirtschaft.

Quelle: telepolis und Statistisches Bundesamt

Sozial gewonnen

Der historische Regierungswechsel in Japan war auch möglich, weil die neue Regierungspartei versprach, sich um die Sorgen der kleinen Leute zu kümmen – und nicht wie die jahrzehntelang regierende LDP um die Interessen der eng mit der Bürokratie verflochtetenen Großkonzerne. Versprochen jedenfalls wurde den Wählern der Demokratischen Partei, dass das Kindergeld erhöht, die Gebühren für höhere Schulen abgeschafft und ein Mindestlohn für Bauern eingeführt wird. Dies könnte dazu führen, dass die stark exportorientierte japanische Wirtschaft, die seit Jahren unter der Deflation auf dem Binnenmarkt leidet, soviel Impulse aus dem heimischen Markt bekommt, um aus dem Teufelskreis der Exportkonkurrenz zulasten der Armen und Älteren ausbrechen zu können.

Bernanke beklaut

Peinlich: Im Zuge seiner erneuten Ernennung als US-Notenbankchef, kam heraus, dass eine Bande von Identitätsdieben Schecks aus der Brieftasche der Ehefrau von Ben Bernanke entwendet hatten und sich damit voriges Jahr gleich mehrmals vom Konto des Ehepaares bedienten.

Die „Frankfurter Rundschau“ (28.8.2009) witzelte, dass die Diebe Bernankes Spitznamen „Helikopter-Ben“ wohl zu ernst genommen hatten. Den Spitznamen hatte er sich erworben, weil er 2002 in einem Vortrag über den Neoliberalen-Gott Milton Friedman vorgeschlagen hatte, im Falle einer Deflation Notenbank-Geld aus Hubschraubern aufs Volk zu werfen.

US-Präsident Obama hat Bernanke gerade für eine zweite Amtszeit vorgeschlagen, was der Asien-Chef der Bank Morgan Stanley, Stephen Roach, für keine gute Idee (Quelle: telepolis) hält – weil Bernanke wie sein Vorgänger Alan Greenspan die Grundüberzeugung vertritt, die Notenbanken sollten Spekulationsblasen einfach ignorieren und lediglich nach deren Platzen mit frischem Geld eingreifen. Deswegen schritt Bernanke auch nicht gegen die Explosion des Derivate-Markts oder Geschäfte mit extremen Hebeln ein und setzte damit die Politik seines langjährigen Vorgängers fort.

Roach hält deswegen die erneute Nominierung Bernankes durch den US-Präsidenten für kurzsichtig: „Es ist als ob man einen erwiesenen Kurpfuscher für die Erfindung einer Wunderkur lobt.“ mein er und verweist darauf, dass Bernankes Verdienste im Krisenmanagement trotz der Feierlaune an der Wallstreet noch nicht sicheren Bestand haben.

Erzeugerpreis-Deflation

Dass im Juli die Verbraucherpreise fielen – erstmals seit 22 Jahren – und damit die Deflation offensichtlich wurde, wird statistisch verstärkt durch den deflationären Fall der Erzeugerpreise. So stark wie nie seit Gründung der Bundesrepublik fielen im Juli die Erzeugerpreise – also die Preise, die Kunden für Waren ab Werk zahlen – um 7,8 Prozent gegeüber dem Vorjahr. Ein Drittel dieses hohen Werts geht auf Treibstoffe, Heizöl, Gas und Strom zurück. Aber auch Vorleistungsgüter wie Metallerzeugnisse oder Futtermittel wurden billiger. Und der Handel gab die niedrigeren Preise an die Kunden weiter.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 20.8.2009

Tiger sind bankrott

Auf dem Höhepunkt der Spekulationsblasen nannte man Estland, Lettland und Litauen die „Baltischen Tiger“. Mit Spekulationsgeld blühte die dortige Steuersparindustrie. Doch mit der Wirtschaftskrise war der Traum vorbei – und während die EU-Wirtschaft angeblich um 4,8 Prozent im zweiten Quartal wuchs, verzeichneten die drei Länder Riesen-Verluste: Estlands Wirtschaft schrumpfte gegenüber dem Vorjahr um 16,6 Prozent, Lettlands um 18,2 Prozent und Litauens um 22,6 Prozent – weit mehr als etwa die osteuropäischen Problemländer Rumänien und Ungarn.

Jetzt rächt sich, dass die drei „Tiger“ voll auf marktradikale Rezepte setzten – und praktisch ihre ganzen Sozialversicherungssysteme privatisierten. Deswegen – und weil der internationale Währungsfonds, in alter, schlechter Traditition Krisen-Geld nur mit neoliberalen Zwangsrezepten verleiht – sparen die baltischen Staaten ihre öffentlichen Haushalte jetzt zu Tode: Lehrer und Staatsbedienstete werden entlassen, die Löhne kräftig gekürzt und Rentner in Armut getrieben. Zum Dank müssen die drei Länder ihr Geld für Höchst-Zinsen an einem Kapitalmarkt besorgen, wo sie von Rating-Agenturen herabgestuft wurden. Das alles dürfte die Deflation in diesen Ländern kräftig anheizen: Denn die Sparrezepte sind dieselben wie in den 30er-Jahren als Reichskanzler Brüning Krisen-Deutschland kaputtsparte – solange bis die Nazis an der Macht waren.

Quelle: die tageszeitung 15.8.2009

Hohe Deflationsrate

Noch nie seit der Wiedervereinigung war die Deflationsrate in Deutschland so hoch wie im Juli. Die Preise fielen um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Selbst in der alten Bundesrepublik gab es eine so hohe Deflation selten – zuletzt fielen 1987 die Verbraucherpreise um 0,3 Prozent. Die steigende „Kaufkraft“ ist vor allem auf niedrigere Preise bei Erdölprodukten (Heizöl Minus 44,7 Prozent, Benzin und Dieselkraftstoff ca. minus 20 Prozent) und Lebensmitteln (minus 2,4 Prozent – davon Milch und Gemüse jeweils minus 10 Prozent).

Für Energie und Lebensmittel müssen die Deutschen ein Fünftel ihrer Nettoeinkommen ausgeben. Ohne die Deflation in diesem Bereich hätte die Inflationsrate bei 1,4 Prozent gelegen. Und wenn nach der Bundestagswahl die Arbeitslosenzahlen in die Höhe schnellen, dann wird es auf längere Sicht für die Unternehmen schwer, höhere Preise am Markt zu verlangen. Dann verfestigt sich die Deflation mit ihren Folgen: Sinkende Löhne, hohe Arbeitslosigkeit.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 12.8.2009

Deflation jetzt auch hierzulande

Das statistische Bundesamt gibt bekannt, dass im Juli die Verbraucherpreise um 0,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken sind (nachdem schon für die Eurozone ein Preisrückgang festgestellt wurde) – und alle Medien samt ungenannter „Experten“ beeilen sich, der Bevölkerung einzureden, dieser erstmalige Preisrückgang seit 1987 sei kein Deflations-Vorbote.

Man bemüht die Erklärung, dass sich damals wie heute vor allem die Preise für Erdölprodukte verringert hätten – diesmal bei Heizöl sagenhafte 36 Prozent oder bei Kraftstoffen allgemein rund 20 Prozent.

Was aber übersehen wird ist, dass auch die Lebensmittelpreise fallen (zwischen 1,2 und 3,3 Prozent – wegen des von den Discountern angezettelten Verdrängungs-Preiskriegs) und dass es trotz einer Erhöhung der Tarifgehälter wegen Kurzarbeit und steigender Arbeitslosigkeit effektiv weniger Geld im Verbraucher-Geldbeutel gibt.

In der  „taz“ (30.7.2009) macht sich Gustav Horn vom Institut für Makroökonomie der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung darüber Gedanken, warum in Deutschland alle Politiker und Medien so gern vor Inflation warnen, die vorausgehende, viel gefährlichere Deflation aber ausblenden: Der Grund könne nur sein, dass die Politiker eine Ausrede dafür bräuchten, um gegen die Krise nichts zu unternehmen „und ihren überholten ordnungspolitischen Vorstellungen zu huldigen“. Damit meint Horn, dass in der Finanzkrise alles getan wird, um Banken zu stützen und die Steuern der Besserverdienenden zu senken – nichts aber gegen steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Reallöhne. Doch Horn hat in Anlehnung der Werbesprüche „Schützen Sie sich vor Inflation! Kaufen Sie Gold, Immobilien“ einen Rat an die Wählerinnen und Wähler: „Schützen Sie sich vor Deflation! Wechseln Sie Ihre Regierung aus!“

Kein Aufschwung, Deflation, Schuldenbremse

Heiner Flassbeck, Chef der UN-Welthandels- und Entwicklungskonferenz (Unctad) schreibt in der „taz“ (25.7.2009) gegen den „die Krise ist beld zuende“ Optimismus von neoliberalem Medien-Mainstream und herrschender Politik an:

Die deutsche Wirtschaft ist ganz unten. Die Auslastung des Maschinenparks … hat ein historisch tiefes Niveau erreicht und die Tatsache, dass die Auslastung der Arbeitskraft ähnlich gering ist, wird nur durch … Kurzarbeit überdeckt. …
Es nützt auch nichts, gebannt auf die Finanzmärkte zu starren, wo die Börsen wieder auf Rekordwerte zusteuern, weil sich die Anleger einreden, der Aufstieg beginne nun endlich. Finanzmärkte haben noch nie zur Überwindung einer Rezession beigetragen, denn die Spekulationsgeschäfte der Finanzmarktzocker haben mit der Realwirtschaft nur wenig zu tun – und schaden ihr höchstens. …
Woher sollte die Kraft für einen Aufschwung der deutschen Wirtschaft im nächsten Jahr kommen? Sicher nicht von den Unternehmen. … Volle Lager und stillstehende moderne Maschinen haben noch keinen Unternehmer zum Investieren angeregt, selbst wenn die Zinsen niedrig sind.
Der private Verbrauch ist ebenfalls keine Stütze für die Wirtschaft. Gewaltige Kurzarbeit und drohende Arbeitslosigkeit sind nicht der Stoff, aus dem Konsumräusche gemacht sind. Zudem werden in vielen Unternehmen … Löhne gekürzt, um die Verluste klein zu halten. Das schwächt die Nachfrage weiter, weil die Arbeitnehmer nun weniger Geld zur Verfügung haben.
Es kommt ein … Teufelskreis in Gang: Um ihre vollen Lager zu leeren, senken viele Unternehmen die Preise – was bei Konsumenten keinen Kaufrausch auslöst. Stattdessen warten sie darauf, dass die Preise … weiter fallen. Eine solche Phase der Deflation droht jetzt der Bundesrepublik.
Bleibt also nur noch der Staat mit seinen Konjunkturpaketen … doch dieser Einsatz wird zunichte gemacht, weil Länder und Gemeinden durch die Krise unter Steuereinbußen leiden und auf Teufel komm raus sparen.
Was also tun? Wirtschaftsnahe Kreise schlagen schon wieder die berühmten „Strukturreformen“ und „Arbeitsmarktflexibilisierungen“ vor … Diese Konzepte wären jedoch kontraproduktiv, weil sie zu einer weiteren Umverteilung zulasten der unteren Einkommen führten. Damit würde die eklatante Nachfrageschwäche verschäft…
Außerdem wäre dieser Ansatz besonders abwegig, weil man diejenigen, die den Schlamassel verursacht haben, ungeschoren davonkommen ließe und die ganze Last denen aufbürdete, die mit dem Ausbruch der Krise wirklich … nichts zu tun haben.
Dass die deutsche Politik aber genau dahin zielt, zeigt die Schuldenbremse, die sie über Nacht und ohne ernsthafte Diskussion ins Grundgesetz geschrieben hat. … Der Staat ist auf absehbare Zeit der einzige Akteur, der die deutsche Wirtschaft beleben könnte. Aber durch die Schuldenbremse wird ihm jeder Handlungsspielraum genommen.
Wohin eine Schuldenbremse führen kann, zeigt sich … in Kalifornien, das seine Sozialausgaben gnadenlos kürzt, um seine Defizite herunterzufahren – obwohl dies die Wirtschaftskrise nur verschärft und die Defizite weiter in die Höhe treibt.
Die deutsche Regierung … setzt darauf, dass … der Export anzieht. Doch dieser … Trick wird nicht mehr funktionieren, weil … der starke Euro deutsche Waren teuer macht. Selbst Lohnzurückhaltung wird da nichts mehr nutzen – zumal sie nur noch weiter die Binnennachfrage schwächt. …

Die Deflation ist da

Erstmals seit der Einführung des Euro vor 10 Jahren, liegt die Inflationsrate in den Euroländern unter Null – im Juni bei Minus 0,1 Prozent. Das freut zwar die Arbeitnehmer und Rentner, die jetzt erstmals seit Jahren tatsächlich mehr Kaufkraft haben – aber Volkswirte wie Peter Bofinger sehen darin die lang befürchtete Deflation – insbesondere weil die sinkenden Preise entstehen obwohl die EZB den Geldmarkt mit 440 Milliarden Euro geflutet hat. Aber heute hat sogar Finanzminister Steinbrück bemerkt, dass die Banken mit dem billigen Geld zwar fleißig am Finanzmarkt handeln aber nichts an die Realwirtschaft ausleihen.

1986: Minsky blickt durch

Die Süddeutsche Zeitung feiert in ihrer heutigen Ausgabe den US-Ökonomen Hyman Minsky der 1986 sein Hauptwerk „Stabilizing an unstable economy“ veröffentlichte. War er damals ein Außenseiter in der Wirtschaftswissenschaftler-Zunft, ist er 13 Jahre nach seinem Tod derjenige, der schon vor 23 Jahren begriffen hatte, warum es zu einer Krise wie der heutigen kommen kann:

Minsky erkannte, dass es im Kapitalismus 2 Preissysteme gibt – die Güterpreise, die sich aus Produktionskosten plus Gewinnaufschlag zusammensetzen und die Vermögenswerte (Aktien und Immobilien), deren Preis von Renditeerwartungen abhängt. Und weil beides nicht richtig zusammenpasst gibt es das Instrument des Kredits, das einen fatalen Mechanismus aus Börseneuphorie und Kapitalmarkt-Panik auslöst: Banken und Kunden erwarten, dass künftige Gewinne auf dem Gütermarkt ausreichen Zins und Tilgung zu bezahlen („hedge finance“, gesicherte Finanzierung). Klappt das, findet der erfolgreiche Unternehmer Nachahmer, die Preise für Kapitalgüter steigen, der Boom bricht aus. Irgendwann merken die Banken, dass sie nur spekulative Projekte mit ihren Krediten finanzieren, bei denen die Rendite zwar noch für die Zinsen, nicht mehr aber für die Tilgung reicht.

Das ist der „Minsky-Moment“. Denn danach werden die spekulativen Finanzgüter im „Ponzi-Bereich“ finanziert – also mit einer Art Schneeballsystem (benannt nach dem Anlagebetrüger Charles Ponzi) bei dem neue Kredite aufgenommen werden, um Zins und Tilgung alter Kredite zu bezahlen. Wenn eine Bank genügend Ponzi-Projekte ansammelt, ist sie pleite!

Bei der heutigen Krise lag der „Minsky-Moment“ im Herbst 2007, als die Deflation der Vermögenswerte begann, in deren Gefolge trotz aller Verbriefungen und Derivate am Ende allerlei Banken und Versicherungen pleite gingen und vom Staat gerettet wurden (oder auch nicht): IKB, SachsenLB, Hypo Real Estate, Northern Rock, Bear Stearns, Lehman Brothers, Citigroup, AIG.

Die von Minsky vorgeschlagenen Reformen fanden kein Gehör: Er wollte für Stabilität sorgen, indem er ein langsameres Wachstum des Lebensstandards vorschlug – die Wirtschaft sollte selbst viel konsumieren, wenig investieren und von einem starken Staat gesteuert werden. Arbeitslose sollten in diesem System übrigens staatliche Arbeitsplätze zum Mindestlohn besetzen müssen.

1929: Rechnung spät präsentiert

Spannende Geschichte: Nach dem Börsenkrach von 1929 und der sich daran anschließenden Wirtschaftskrise kamen 1933 wegen einer vorangegangenen verfehlten Deflationspolitik der Regierung Brüning die Nazis an die Macht. Die sorgten für eine kreditfinanzierte Rüstungskonjunktur und beuteten im Krieg die besetzten Länder systematisch finanziell aus. Erst 1947/48 wurde den Deutschen die Rechnung in Form einer Höchstinflation präsentiert (so wie die unbezahlten Kriegskredite von 1914-18 erst 1923 per Hyperinflation eingefordert wurden). Diesmal scheint es doch deutlich schneller vom Deflations- zum Inflationsdesaster zu gehen.

Nur im Endeffekt bleibt das Ergebnis dasselbe: Enteignete Sparer, erwerbslose Arbeitnehmer, sanierte Immobilien- und Aktienbesitzer.