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12. Jahrhundert: Unwürdige Arme

Schon im 12. Jahrhundert unterscheiden christliche Autoren zwischen „würdigen“ und „unwürdigen“ Armen. Die einen, das sind Alte, Kranke und Gebrechliche, soll der Christenmensch Almosen geben – den anderen nicht, also keine Barmherzigkeit mit „Faulen“, „Verwahrlosten“.

Heutzutage sprechen sich in diesem christlichen Geist CDU-Politiker wie Philipp Mißfelder aus, die vermuten, dass eine Erhöhung der Hartz IV Sätze von den betroffenen ausschließlich für Schnaps und Zigaretten ausgegeben würde. Und der Historiker Paul Nolte meint, der Unterschicht fehle es vor allem an Tischsitten und gesunde Ernährung. Mehr Geld solle es deshalb erst geben, wenn dies erlernt sei.

Quelle: Die Zeit, 15.10.2009

Wer ist eigentlich Mittelschicht?

1992 gehörten 60,6 Prozent der Bevölkerung der „mittleren Einkommensgruppe“ an. Dieser Anteil ist bis 2006 auf 54,4 Prozent geschrumpft. Gewachsen ist die Zahl der Beschäftigten, die untere Einkommen beziehen (von 21,8 auf 24,4 Prozent) und die Zahl derjenigen, die „obere Einkommen“ haben (von 17,6 auf 21,3 Prozent). Die Mittelschicht schrumpft also, Oben und Unten wird mehr.

Untere Bruttogehälter im Bereich der Vollzeiteinkommen waren im Jahr 2006 beispielsweise Friseure mit durchschnittlich 1305 Euro monatlich oder Wachleute mit 1837 Euro.

In der Mitte reicht die Spanne von Sprechstundenhilfen mit 2306 Euro brutto monatlich für einen Vollzeitjob bis zu 3778 Euro für einen Bankangestellten.

Die oberen Einkommen haben zum Beispiel Industriemeister mit 4097 Euro brutto oder Notare mit 6106 Euro im Monat.

Quelle: Die Zeit 17.9.2009

Sozialleistungen für wen?

Das reichste Zehntel der Bevölkerung hatte im Jahr 2006 ein monatliches Durchschnitts-Nettoeinkommen von 5578 Euro – Netto monatlich also deutlich mehr als die vom Brutto zu bezahlenden rund 4000 Euro jährliche effektive Sozialabgaben dieser Gruppe (gerechnet nach geleisteten Zahlungen abzüglich erhaltene Zuschüsse – etwa Kinderfreibeträge).

Das ärmste Zehntel der Bevölkerung hat ein monatliches Nettoeinkommen von 942 Euro und bekommt jedes Jahr vom Staat per Saldo 1000 Euro Sozialleistungen (rund 85 Euro im Monat)

Die beiden Gruppen in der Mitte haben 1616 und 1859 Euro netto monatlich und bekommen ein paar wenige Euro oder zahlen ein paar hundert Euro im Jahr an Sozialleistungs-Saldo.

Quelle: Die Zeit 17.9.2009

Reiche haben Sorgen

Als „zynisch“ empfindet die Kommentatorin Sibylle Haas von der „Süddeutschen Zeitung“ (27.8.2009) die Sorgen der Reichen, die das DIW ermittelt hat. Angesichts von Monats-Nettoeinkommen, die bei reichen Singles bei 2600 Euro beginnen (vierköpfige Familien 5460 Euro netto monatlich), seien die Sorgen von Schickedanz, Schaeffler und Co. vor sozialem Abstieg doch so, dass sie jeder Normalarbeitnehmer gerne haben möchte.

Denn die Realität der Niedriglöhner mit weniger als 10 Euro pro Stunde Lohn (brutto!), der Kurzarbeiter und der Normalarbeitnehmer, die beispielsweise im öffentlichen Dienst laut Bundesfinanzplan nicht mehr als 1 Prozent jährlich Lohnzuwachs bekommen dürfen, sieht anders aus. „Von der Genügsamkeit der Masse können die besorgten Reichen eine Menge lernen“ schreibt die Kommentatorin unter Bezug auf die sinkenden Reallöhne während der Boomjahre 2004 bis 2008 als die Gewinne der Reichen explodierten. Der Anteil der Reichen in der Bevölkerung stieg in dieser Zeit von 5 auf 7 Prozent. Aber nur 1 Prozent der Deutschen bezeichnet sich als „sorgenfrei reich“ – in der Regel ältere Paare ohne Kinder aus Westdeutschland mit eigenem Haus und 400.000 Euro Vermögen. Diese sorglos Reichen sind übrigens zu mehr als der Hälfte höhere Beamte oder leitende Angestellte im öffentlichen Dienst.

Arme sterben früh und bezahlen für Besserverdienende

Das DIW, so taz-Autorin Ulrike Hermann am 29.1.2009, hat’s nachgerechnet: Niedriglöhner zahlen für Besserverdienende! Wer gut verdient, lebt nämlich länger und kassiert länger Rente – was automatisch seine „Rendite“ auf die eingezahlten Beiträge erhöht. Diesen Fakt haben die Versicherungslobbyisten, die die Riester-Rente erfanden ignoriert und stattdessen von Staatswegen die Altersarmut der Geringverdiener gesteigert – weil mit Einführung der privat finanzierten Rente die staatliche Rente gekürzt wurde. Und weil die Hälfte der Deuschen höchsten 15.000 Euro Ersparnisse hat – was rechnerisch allenfalls für 75 Euro „Privatrente“ im Monat reicht – wird deutlich, dass die Armen für die Reichen zahlen!

Reiche mit noch mehr Geld

Zwischen 2002 und 2007 steigerte das reichste Zehntel seinen Anteil am Nettovermögen der Deutschen von 57,9 auf 61,1 Prozent. 10 Prozent der Deutschen besitzen also fast zwei Drittel des Geldes.

Dagegen hat die untere Hälfte der Deutschen gar kein Vermögen, wenn man die Schulden der 10 Prozent Ärmsten mit den Ersparnissen der 40 Prozent Ärmeren im Land gegenrechnet. Und die Mittelschicht? Teilt sich ein gutes Drittel der Vermögenswerte, wobei auch hier gilt: Wer Geld hat, kann mehr Vermögen bilden – und die Kluft ist in den fünf Jahren, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung betrachtete, noch einmal deutlich größer geworden.

Quelle: Frankfurter Rundschau 22.1.2009

P.S.: Zu den 10 Prozent der reichsten Deutschen gehört jeder, der als Angestellter ein Brutto-Monatseinkommen von mehr als 4000 Euro bezieht! Aber das ist eine andere Statistik.