{"id":2908,"date":"2020-10-16T11:52:16","date_gmt":"2020-10-16T09:52:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/?p=2908"},"modified":"2020-10-16T11:52:20","modified_gmt":"2020-10-16T09:52:20","slug":"geschichtsvergessene-nostalgie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/2020\/10\/16\/geschichtsvergessene-nostalgie\/","title":{"rendered":"Geschichtsvergessene Nostalgie"},"content":{"rendered":"\n<p>In diesen Tagen werden viele Filialen des Karstadt-Galeria-Kaufhof-Konzerns geschlossen. Und allenthalben wird nun beklagt, dass die Innenst\u00e4dte ver\u00f6den, wenn die Kaufh\u00e4user weg sind. Manche versteigen sich sogar, dem Kaufhaus den Rang eines Kulturguts zuzuschreiben, das unbedingt erhalten werden m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Besch\u00e4ftigten sind die Schlie\u00dfungen ein herber Verlust und an den Standorten, wo es mit Hilfe der Gewerkschaft ver.di gelang, diese zu erhalten, wurde dies mit massiven Beitr\u00e4gen der Belegschaft erkauft. Insgesamt sind die Schlie\u00dfungen ein Verlust an tariflich gesicherten Langzeit-Arbeitspl\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und klar, die in den 1970er-Jahren entstandene &#8222;Fu\u00dfg\u00e4ngerzone&#8220; ist ohne Kaufh\u00e4user nur ein Schatten ihrer selbst &#8211; 1-Euro-Shops und Handy-L\u00e4den machen eben keine &#8222;Flaniermeile&#8220;, ebensowenig wie die immer gleiche Ansammlung von Kettenl\u00e4den (H&amp;M, TKmax, Esprit etc.). Aber es ist nicht der Online-Handel, der den Kaufh\u00e4usern den Garaus macht, sondern der ewige Drang nach Kostensenkung und Produktivit\u00e4tssteigerung, der dem Kapitalismus innewohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kaufh\u00e4user selbst waren eine kapitalistische Rationalisierung. Sie traten an die Stelle des &#8222;Fachgesch\u00e4fts&#8220;. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert boten die Kaufh\u00e4user als &#8222;Konsumpal\u00e4ste&#8220; auf engstem Raum ein gigantisches Warensortiment. Die Kund*innen mussten pl\u00f6tzlich nicht mehr die Gesch\u00e4fte f\u00fcr Damenoberbekleidung, Mieder- und Kurzwaren, Schuhgesch\u00e4fte und Parf\u00fcmerien aufsuchen. Alles fand sich unter einem Dach &#8211; und die Kaufhauskonzerne machten es den Einzelhandels-Unternehmern schwer, die sich oft nur in Nischen halten konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nichts im Kapitalismus ist ewig &#8211; und so bedrohten ab den 1990er-Jahren die &#8222;Shopping-Malls&#8220; au\u00dferhalb und innerhalb der st\u00e4dtischen Zentren die Kaufh\u00e4user. Dutzende bis hunderte L\u00e4den unter einem Dach versprachen ein anderes &#8222;Kauferlebnis&#8220; &#8211; und pl\u00f6tzlich wirkte das Kaufhaus altmodisch. Gespart wurde dann vor allem am Personal und dessen tarifvertraglicher Sicherheit. Ins Kaufhaus zogen selbstst\u00e4ndige &#8222;Vertreter*innen&#8220; ein, die Verkaufsst\u00e4nde bekannter &#8222;Marken&#8220; betrieben &#8211; vor allem im Bereich der Parf\u00fcmerie war dies auff\u00e4llig, aber auch auf den Bekleidungsetagen, wo nicht mehr nach Anzug, Hemd und Freizeitmode sortiert wurde, sondern Fl\u00e4chen diverser &#8222;brands&#8220; das Bild beherrschten.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrenddessen ver\u00f6deten die Zentren der Klein- und Mittelst\u00e4dte, die zwischen 10.000 und 50.000 Einwohnern versorgt hatten. Alteingesessene Familiengesch\u00e4fte schlossen und nichts trat an ihre Stelle. Und es war absehbar, dass die scheinbar friedliche Koexistenz von Kaufh\u00e4usern und Kettenl\u00e4den in den Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen nur solange funktionieren w\u00fcrde, wie die Ladenmieten nicht jede Marge auffressen w\u00fcrden. Es war deshalb durchaus kein Zufall, dass der letzte Besitzer des &#8222;deutschen&#8220; Kaufhauskonzerns, der aus Karstadt und Galeria-Kaufhof (zwangs-)gebildet wurde, ein \u00f6sterreichischer Immobilien-Besitzer war, der eher an einer &#8222;Wertsteigerung&#8220; der Ge\u00e4bude als am Betrieb von Kaufh\u00e4usern interessiert war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie der Selbstbedienungs-Supermarkt den Lebensmittel-Einzelhandel verdr\u00e4ngte, verdr\u00e4ngten Kettenl\u00e4den, Online-Handel und die (inzwischen selbst unter dem Druck von Leerstand stehenden) Shopping-Malls das Kaufhaus, das einst das &#8222;Fachgesch\u00e4ft&#8220; verdr\u00e4ngt hatte. Es ist die ewige &#8222;Marktbereinigung&#8220;, die im Kapitalismus stattfindet, denn es muss Rendite erwirtschaftet werden &#8211; auch wenn dies nicht mehr durch Umsatzsteigerung aufgrund wachsender M\u00e4rkte m\u00f6glich ist. Gerade wenn nichts mehr w\u00e4chst, wenn die Konkurrenz nur noch \u00fcber Kostensenkung laufen kann, dann sind Betriebsschlie\u00dfungen unvermeidlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesen Tagen werden viele Filialen des Karstadt-Galeria-Kaufhof-Konzerns geschlossen. Und allenthalben wird nun beklagt, dass die Innenst\u00e4dte ver\u00f6den, wenn die Kaufh\u00e4user weg sind. Manche versteigen sich sogar, dem Kaufhaus den Rang eines Kulturguts zuzuschreiben, das unbedingt erhalten werden m\u00fcsse. 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