{"id":2895,"date":"2018-12-08T16:41:15","date_gmt":"2018-12-08T15:41:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/?p=2895"},"modified":"2018-12-08T16:41:15","modified_gmt":"2018-12-08T15:41:15","slug":"wir-befinden-uns-hier-im-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/2018\/12\/08\/wir-befinden-uns-hier-im-krieg\/","title":{"rendered":"Wir befinden uns hier im Krieg"},"content":{"rendered":"<p>Feuilleton und &#8222;Chancen&#8220;-Teil der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung &#8222;Die Zeit&#8220; (51\/2018) bieten gleich dreimal Einblick in die Verwirrungen eines (links-)liberalen (Gro\u00df-)B\u00fcrgertums, dem die \u00f6konomische Analyse fehlt und das deshalb ratlos vor der aktuellen (Rechts-)Entwicklung der Gesellschaft steht.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst f\u00fchrt Iris Radisch mit der franz\u00f6sischen Autorin Annie Ernaux ein Interview \u00fcber die &#8222;Gelbwesten&#8220;-Bewegung. Darin wird zwar viel richtiges gesagt \u00fcber die Verachtung der franz\u00f6sischen Polit-Elite f\u00fcr die im Sp\u00e4tkapitalismus zunehmend \u00fcberfl\u00fcssig werdenden einkommensschwachen und au\u00dferhalb der kapitalistischen Zentren lebenden Teile der Gesellschaft. Der Rest des Interviews bleibt aber stecken in einer romantisch zur &#8222;Revolution&#8220; verkl\u00e4rten kleinb\u00fcrgerlichen Revolte an deren Ende nur zwei Alternativen denkbar sind: entweder zerschlagen die Eliten die Revolte selbst und demaskieren sich damit als autorit\u00e4re Herrscher &#8211; oder Macron muss die Macht an Marine LePen und ihre faschistische Bewegung \u00fcbergeben, die dann den eigent\u00fcmlichen &#8222;National-Sozialismus&#8220; exekutieren wird, der rechten und linken Populisten weltweit eigen ist. Doch genau diese beiden Wege in die Barbarei des sich selbst zugrunde richtenden Kapitalismus werden in dem Interview nicht diskutiert; es bleibt weit davor stecken und dringt nicht zur Analyse des Kernproblems vor &#8211; dass der renditeorientierte Konkurrenzkapitalismus am Ende in der Klimakrise nicht nur die Umwelt vernichtet, sondern vorher auch immer mehr Menschen aus den Arbeits- und Konsumm\u00e4rkten aussperrt.<\/p>\n<p>Ein paar Seiten weiter darf sich dann &#8222;Star-Architekt&#8220; Patrik Schumacher, von Interviewer Tobias Timm unkritisiert, in seiner &#8222;libert\u00e4ren&#8220; Ideologie austoben. Dass nicht kritisiert wird, was dieser Profiteur der neoliberalen Zerst\u00f6rung von sich gibt, hat ebenfalls damit zu tun, dass dieser Vertreter der globalen Elite vom Interviewer gerade nicht mit der Barbarei seiner Aussagen konfrontiert sind. Diese aber sind in ihrer Brutalit\u00e4t eindeutig: alle Sozialsysteme, alle staatliche Regulierung des Kapitalismus soll endlich abgeschafft werden; die Erl\u00f6sung soll aus g\u00e4nzlich unregulierten M\u00e4rkten kommen, die Superreichen wie Schumacher ein &#8222;goldenes Zeitalter&#8220; versprechen &#8211; auch, weil autorit\u00e4r-faschistische Regimes jeden Widerstand der massenhaft &#8222;\u00fcberfl\u00fcssigen&#8220; zerschlagen sollen\/werden, der sich z.B. gegen die Ausbeutung der Mieter durch Immobilien-&#8222;Investoren&#8220; bilden k\u00f6nnte. Es fehlt die Einsicht, dass die im \u00dcberschrift-Zitat geforderte Radikalisierung des Neoliberalismus &#8211; Kern jeder &#8222;libert\u00e4ren&#8220; Eliten-Ideologie &#8211; nur ein beschleunigtes Abgleiten in die Barbarei bef\u00f6rdert, das am Ende des Kreislaufes aus Investition und Renditeerwartung steht.<\/p>\n<p>Und der aus \u00f6konomischer Analyse wachsende menschenrechtliche Kompass fehlt auch im dritten Artikel wo die Auseinandersetzungen beschrieben werden, die an der Universit\u00e4t Siegen toben, seit sich der Philosophie-Professor Dieter Sch\u00f6necker entschlossen hat, sein Seminar zur B\u00fchne f\u00fcr den Unterschicht-Ver\u00e4chter Thilo Sarrazin und den AfD-Chefideologen mit Bundestagsmandat, Marc Jongen, zu machen. Immerhin wird Sch\u00f6neckers inneruniversit\u00e4rer Gegenspieler, der Medienwissenschaftler Eduard Sch\u00fcttpelz mit dem richtigen Satz zitiert &#8222;Wir befinden uns hier im Krieg&#8220;. Denn genau das ist es: dass unter dem Vorwand der grundgesetzlich gesch\u00fctzten Lehrfreiheit und zus\u00e4tzlich noch der &#8222;Meinungsfreiheit&#8220; rechtsradikale Menschenfeinde eine staatlich alimentierte B\u00fchne bekommen ist Teil des Krieges, den die Krawatten-Nazis gegen Zivilit\u00e4t und Menschenrechte f\u00fchren. Zeit-Autor Mohamed Amjahid aber deutet diesen Krieg um in einen blo\u00df symbolischen Krieg um Meinungsfreiheit. Auch das ist nur verst\u00e4ndlich, wenn der Blick auf die &#8222;Klassenlage&#8220; von Zeit-Autoren (und Lesern) geweitet wird. Der b\u00fcrgerliche Liberalismus ist nicht in der Lage zu verstehen, dass die hart gegen Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, gegen Demokratie und Menschenrechte agierenden Rechten, sich nur in einem Umfeld ausbreiten k\u00f6nnen, in dem sich die Widerspr\u00fcche des Kapitalismus \u00f6konomisch als &#8222;Grenzen des Wachstums&#8220; und &#8222;Grenzen des Sozialstaats&#8220; zeigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Feuilleton und &#8222;Chancen&#8220;-Teil der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung &#8222;Die Zeit&#8220; (51\/2018) bieten gleich dreimal Einblick in die Verwirrungen eines (links-)liberalen (Gro\u00df-)B\u00fcrgertums, dem die \u00f6konomische Analyse fehlt und das deshalb ratlos vor der aktuellen (Rechts-)Entwicklung der Gesellschaft steht. Zun\u00e4chst f\u00fchrt Iris Radisch mit der franz\u00f6sischen Autorin Annie Ernaux ein Interview \u00fcber die &#8222;Gelbwesten&#8220;-Bewegung. 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