{"id":2815,"date":"2017-04-09T11:34:23","date_gmt":"2017-04-09T09:34:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/?p=2815"},"modified":"2017-04-09T11:34:23","modified_gmt":"2017-04-09T09:34:23","slug":"verbraucher-illusionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/2017\/04\/09\/verbraucher-illusionen\/","title":{"rendered":"Verbraucher-Illusionen"},"content":{"rendered":"<p>Kaum eine Figur ist im sp\u00e4ten Kapitalismus so \u00fcberh\u00f6ht wie &#8222;der Verbraucher&#8220;. Schon die Verwendung dieser m\u00e4nnlichen Form zeigt, dass es hier um ideologische Bilder geht, die nichts mit der Realit\u00e4t zu tun haben. Sonst w\u00fcrde n\u00e4mlich auch die Verbraucherin eine Rolle spielen &#8211; und zwar nicht nur als famili\u00e4res Anh\u00e4ngsel des &#8222;Ern\u00e4hrers&#8220;, der als Produktionsarbeiter das Geld &#8222;verdient&#8220;, das n\u00f6tig ist, um Verbraucher zu sein.<\/p>\n<p>Aber so wie die Frau als eigenst\u00e4ndiges Wirtschaftssubjekt in diesem Bild nicht vorkommt, so wenig kommen auch andere Realit\u00e4ten des kapitalistischen Produktions- und Verwertungsprozesses vor. In seltsamer Abspaltung wird so getan, als gesch\u00e4he der &#8222;Verbrauch&#8220; au\u00dferhalb der Sph\u00e4re der Wertsch\u00f6pfungsketten. Das allerdings ist konsequent im Rahmen der neoliberalen Ideologie, die nur den &#8222;Markt&#8220; als Ort wirtschaftlichen Geschehens akzeptiert. Wenn es nur noch um das Kaufen von Waren geht, dann wird der K\u00e4ufer zum Dreh- und Angelpunkt hinter dem Verk\u00e4ufer, Produzenten und gesellschaftlich-\u00f6konomische Verh\u00e4ltnisse aus dem Sichtfeld verschwinden.<\/p>\n<p>Deshalb wird dem Verbraucher im neoliberalen Weltbild auch so viel Aufmerksamkeit gewidmet. Weil es eine politische Regulierung der Produktion nicht geben darf, muss am Ende der &#8222;Verbraucherschutz&#8220; diese fehlende Regulierung \u00fcbernehmen. Das ist in jeder Hinsicht illusion\u00e4r &#8211; denn schon bei der Frage der &#8222;Verbraucherinformation&#8220; tun sich Abgr\u00fcnde auf. Die Vorstellung, es k\u00f6nnte ein Subjekt geben, das v\u00f6llig frei und vollst\u00e4ndig informiert, Kaufentscheidungen trifft ist unhaltbar. Der Verbraucher ist keineswegs frei, sondern als Konsument im Kapitalismus abh\u00e4ngig davon, dass er gen\u00fcgend Geldmittel f\u00fcr den Konsum hat. Es n\u00fctzt ihm die ausf\u00fchrlichste Information nichts, wenn ihm das Geld zum Kauf fehlt. Deswegen k\u00f6nnen Beipackzettel noch so ausf\u00fchrlich sein, Labels noch so zertifiziert und kontrolliert, Vergleichstest noch so objektiv &#8211; am Ende werden fast alle Kaufentscheidungen \u00fcber den Preis getroffen (allenfalls das gef\u00fchlte Preis-Leistungs-Verh\u00e4ltnis des K\u00e4ufers kann noch eine Rolle spielen, wenn der Konsument gen\u00fcgend Geldmittel f\u00fcr diese Form der Entscheidung hat). Es wird also nichts, mit dem Verbraucher, der sein Konsumverhalten \u00f6kologisch und sozial ausrichtet &#8211; egal wieviele Energieverbrauchslabels oder Fairtrade-Aufkleber die Ware hat. Im Kapitalismus wird die Produktion so organisiert, dass sie dem Investor den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Profit verspricht &#8211; und da geht es dann um Kostensenkung, um am Markt niedrigere Preise anbieten zu k\u00f6nnen, um diesen Markt zu monopolisieren. Deshalb gibt es die gro\u00dfen Handelsketten, die ihre Lieferanten unter Druck setzen, und die ihre Kunden mit Sonderangeboten locken. Billig geht immer.<\/p>\n<p>Und illusion\u00e4r ist auch der politisch-b\u00fcrokratische &#8222;Verbraucherschutz&#8220;. Da wo es unm\u00f6glich ist, die Produktion zu regulieren, da kann am Ende auch niemand den Verbraucher vor schlechter Qualit\u00e4t und vor Betrug sch\u00fctzen. Nach jedem Lebensmittelskandal, nach dem &#8222;Dieselgate&#8220; und vielen anderen Beispielen wird deutlich, dass es im Wesen des Kapitalismus liegt, Profit auch dadurch zu steigern, dass die wenigen existierenden Regulierungen kriminell umgangen werden. Der Verbraucher, der sich gerne als Opfer solcher Machenschaften sieht, ist in Wirklichkeit deren Komplize &#8211; denn er will betrogen sein, um den billigsten Preis zu ergattern oder wenigstens die Illusion haben, dass alles, was ihm in der Werbung versprochen wird, wahr sei.<\/p>\n<p>Dass sich die Politik auf Verbraucherschutz und Verbraucherinformation versteift, ist eng verbunden mit der derzeitigen gesellschaftlichen Unf\u00e4higkeit, Produktion und Konsum zu regulieren. Wenn es beispielsweise keine wirksamen Recycling-Regelungen in der Getr\u00e4nkewirtschaft gibt, weil die umweltsch\u00e4dlichen Aludosen und Plastikflaschen den gro\u00dfen Konzernen mehr Profit bescheren, als etwa Glas-Pfandflaschen, dann n\u00fctzt auch kein Alibi-Dosenpfand und kein blauer Umweltengel. Und dann hilft auch kein Verbraucherschutzministerium, wenn bekannt wird, dass sich aus dem Plastik giftige Stoffe in die abgef\u00fcllten Getr\u00e4nke l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Die Illusionen rund um den Verbraucher sollen die kapitalistische Produktionsweise und Gesellschaftsordnung stabilisieren &#8211; indem sie den Konsumenten von wesentlichen Teilen der \u00d6konomie und Politik abspalten und ihn damit der Macht der Ver\u00e4nderung berauben. Am Ende sind wir als Verbraucher rundum informiert und ministeriell gesch\u00e4tzt &#8211; und doch blo\u00df dazu da, im Konsum am Ende der Wertsch\u00f6pfungskette die von uns mit erarbeiteten Profite zu realisieren, die den Kreislauf des Kapitalismus antreiben: Investition-Produktion-Konsum-Profit-Investition&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum eine Figur ist im sp\u00e4ten Kapitalismus so \u00fcberh\u00f6ht wie &#8222;der Verbraucher&#8220;. 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