{"id":2801,"date":"2017-01-28T15:35:16","date_gmt":"2017-01-28T14:35:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/?p=2801"},"modified":"2017-01-28T15:35:16","modified_gmt":"2017-01-28T14:35:16","slug":"die-verzweiflung-der-versicherer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/2017\/01\/28\/die-verzweiflung-der-versicherer\/","title":{"rendered":"Die Verzweiflung der Versicherer"},"content":{"rendered":"<p>Nicht nur die Superreichen lassen ihr Geld mit Finanzmarkt-Spekulationen vermehren. Ein nicht unerheblicher Teil der renditesuchenden Kapitalien kommt von so genannten institutionellen Anlegern, von denen wiederum viele in Form von Pensionsfonds oder (Kapital-)Lebensversicherungen dem Zweck der kapitalgest\u00fctzten Altersvorsorge dienen.<\/p>\n<p>In Deutschland sind es vor allem die Lebensversicherer, die hier also zum Wohle vieler Policeninhaber als Spekulanten auftreten. In der &#8222;guten alten Zeit&#8220; des westdeutschen Nachkriegskapitalismus war die Lebensversicherung neben dem Eigenheim und einer &#8222;Betriebsrente&#8220; die wohl wichtigste Form einer Anlage, die f\u00fcr einen Zuschuss zur umlagefinanzierten, gesetzlichen Rente sorgen sollte.<\/p>\n<p>Mit einem hoch regulierten, &#8222;sicheren&#8220; Anlageprodukt sollten Teile der Arbeitnehmereinkommen den Finanzm\u00e4rkten zur Verf\u00fcgung gestellt werden, um &#8211; insbesondere &#8211; die Kreditbed\u00fcrfnisse des Staates zu befriedigen. Also war das Gesch\u00e4ft der Lebensversicherer relativ einfach: sie legten das Kapital ihrer Versicherten vorwiegend in Pfandbriefen und anderen &#8222;langweiligen&#8220; Formen von Staatsanleihen an. Wegen des anhaltenden Wirtschaftswachstums war es ein leichtes Renditen zu erzielen, die deutlich \u00fcber der vorgeschriebenen Garantieverzinsung lag. Das bel\u00e4chelten &#8222;Spekulanten&#8220; an den Aktienb\u00f6rsen als wenig eintr\u00e4glich &#8211; doch die Versicherungskonzerne konnten nicht nur ihre vertraglichen Verpflichtungen gegen\u00fcber den Policeninhabern erf\u00fcllen, sondern erwirtschafteten f\u00fcr ihre Aktion\u00e4re auch hohe Dividenden.<\/p>\n<p>Mit der neoliberalen Finanzmarkt-Entfesselung (und der daraus resultierenden h\u00f6heren &#8222;Volatilit\u00e4t&#8220;) und dem weltweit fehlenden Wachstum aber, kam es infolge der geplatzten Finanzmarkt-Blase nach 2008 zu einer deutlich sichtbaren Erschwerung des Gesch\u00e4fts der Lebensversicherer. Das liegt aber nicht daran, dass mit sinkenden Zentralbank-Zinsen auch der &#8222;Garantiezins&#8220; immer weiter gesenkt wurde. Denn der ist ja blo\u00df ein politisches Sicherheitsversprechen an die Policeninhaber, der auch vom schlechtesten Anbieter von Lebensversicherern am deutschen Markt deutlich \u00fcbertroffen wird (und \u00e4ltere Vertr\u00e4ge profitieren derzeit ohnehin von der vertraglich garantierten Verzinsung).<\/p>\n<p>Das Problem der Versicherer liegt darin, in Zeiten des billigen Zentralbank-Gelds, renditetr\u00e4chtige Anlagen zu finden, die mit den gesetzlichen Sicherheits-Vorgaben f\u00fcr Altersvorsorge-Anlagen vereinbar sind. Was vorher nur schm\u00fcckendes Beiwerk zu Pfandbriefen und (deutschen) Staatsanleihen war &#8211; Aktien und Unternehmensanleihen, Staatsanleihen anderer Euro- und &#8222;Schwellenl\u00e4nder&#8220;, Investitionen in Immobilienfonds und erneuerbare Energien und vieles mehr &#8211; wurde nun dringend gebraucht, um nicht nur garantierte Zinszuweisungen zu erwirtschaften, sondern im Feld der Anbieter eine \u00fcberdurchschnittliche &#8222;Performance&#8220; zu erreichen.<\/p>\n<p>Mehr und mehr tauchen dabei Schwierigkeiten auf, die verantwortlichen Manager zur Verzweiflung bringen &#8211; etwa die Unm\u00f6glichkeit mit Schwellenl\u00e4nder-Anleihen l\u00e4ngerfristig Gewinn zu machen, da hier zur Absicherung immer auch ein &#8222;hedging&#8220; gegen W\u00e4hrungsschwankungen betrieben werden muss, das am Ende dazu f\u00fchrt, dass sich der sch\u00f6n hohe Zins der Schwellenl\u00e4nder-Anleihe ins selbe Nullzins-Nichts aufl\u00f6st wie die Anleihen des Bundesfinanzministers. Aktuell sind es wohl die Infrastruktur-Investitionen in erneuerbare Energien und der erneute Aufbau gro\u00dfer Immobilienblasen, die pr\u00e4gend sein d\u00fcrften f\u00fcr die Zuweisungen der Versicherer an die Policen (deshalb lobbyieren diese bei der Politik ja auch f\u00fcr die &#8222;Privatisierung&#8220; der Verkehrs-Infrastrukturen und anderer staatlicher Investitionen).<\/p>\n<p>Es ist also letztendlich wieder das fehlende Wirtschaftswachstum, das die institutionellen Anleger an den Finanzm\u00e4rkten zur Verzweiflung bringt. Wo kein Wachstum, da kann Rendite nur noch \u00fcber Spekulationsblasen und Vorwegnahme zuk\u00fcnftiger Gewinne erzielt werden. Und die immer gr\u00f6\u00dferen Spekulationsblasen tendieren dazu, in immer k\u00fcrzeren Zeitabst\u00e4nden zu platzen (und damit das Kapital der Anleger &#8211; in diesem Fall der Versicherten &#8211; zunichte zu machen).<\/p>\n<p>Nebens\u00e4tze: 1. Die hier geschilderte Verzweiflung der Versicherer ist kein Argument daf\u00fcr, seine Altersvorsorge auf noch risikoreichere Kapitalanlageformen &#8211; z.B. Aktienfonds &#8211; zu verlagern. 2. Und auch nicht in Produkte wie die &#8222;Riesterrente&#8220;, die den Niedrigzins mit hohen Verwaltungskosten kombinieren und nur bei den Anbietern f\u00fcr Gewinne sorgen, nicht bei den Policeninhabern. 3. Und sie ist schlie\u00dflich auch kein Pl\u00e4doyer f\u00fcr noch mehr &#8222;private&#8220; Altersvorsorge. Nur eine staatliche Altersvorsorge ohne Renditeabsicht, finanziert durch Umlagesysteme und Steuern, kann auch in einer wachstumslosen Wirtschaftszukunft f\u00fcr eine Rente sorgen, die nicht in die Armut f\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur die Superreichen lassen ihr Geld mit Finanzmarkt-Spekulationen vermehren. 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