{"id":2794,"date":"2017-01-04T14:58:58","date_gmt":"2017-01-04T13:58:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/?p=2794"},"modified":"2017-01-04T15:11:45","modified_gmt":"2017-01-04T14:11:45","slug":"verleugnung-zukuenftiger-realitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/2017\/01\/04\/verleugnung-zukuenftiger-realitaet\/","title":{"rendered":"Verleugnung zuk\u00fcnftiger Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Diskussionen zum Thema &#8222;Arbeit 4.0 \/ Industrie 4.0&#8220; &#8211; also zu den Auswirkungen der umfassenden Digitalisierung &#8211; nehmen immer dann eine interessante Wendung, wenn im Rahmen einer solchen Diskussion die zuk\u00fcnftige Entwicklung eines Wirtschaftszweiges oder Berufsfeldes diskutiert wird. Wird etwa versucht, die &#8222;digitale Revolution&#8220; f\u00fcr den Wirtschaftszweig Stra\u00dfentransportlogistik und damit den Beruf LKW-Fahrer*in zu er\u00f6rtern, zeigt sich sofort das Ph\u00e4nomen einer vollkommen irrationalen Verleugnung der in naher Zukunft zu erwartenden realen Ver\u00e4nderungen, die meist in dem Satz gipfelt: &#8222;Selbstfahrende LKW werden niemals in Deutschland fahren&#8220;; eventuell noch garniert mit der Schein-Begr\u00fcndung &#8222;das w\u00e4re viel zu gef\u00e4hrlich&#8220;.<\/p>\n<p>Dabei ist schon heute \u00f6ffentlich sichtbar, dass nicht nur die Automobilkonzerne an selbstfahrenden LKW arbeiten, die schon im n\u00e4chsten Investitionszyklus der gro\u00dfen Speditionskonzerne &#8222;serienreif&#8220; sein werden. Auch die notwendigen Gesetzes\u00e4nderungen sind l\u00e4ngst in der Lobby-Pipeline &#8211; sichtbar an den Erlaubnissen f\u00fcr Praxistests verschiedener Technologien. Klar also ist, dass auch f\u00fcr den selbstfahrenden LKW gilt, was die betriebswirtschaftliche Rationalit\u00e4t von Investitionen bestimmt: wenn mit einer Investition soviel menschliche Arbeitskraft &#8222;eingespart&#8220; werden kann, dass sich der Aufwand im Abschreibungszeitraum rechnet, wird die Investition get\u00e4tigt. Wenn also bei der Neuanschaffung eines LKW die Gro\u00dfspedition zus\u00e4tzlich zu einem ohnehin f\u00e4lligen Investitionsvolumen von rund 100.000 \u20ac f\u00fcr das selbstfahrende Modell 25.000 \u20ac zus\u00e4tzlich f\u00e4llig werden &#8211; dann wird der heute zum Dumpinglohn arbeitende LKW-Fahrer seinen Job mit Sicherheit verlieren. Die betriebswirtschaftliche Logik besagt, dass der selbstfahrende LKW Investitionen im \u00c4quivalent von maximal einem Jahreslohn eines Fahrers erfordert. Bei einem Nutzungszeitraum von nur 5 Jahren, sind dann 4 Jahresl\u00f6hne eingespart &#8211; noch gar nicht gerechnet, dass ein selbstfahrender LKW keine Ruhepausen oder andere &#8222;Sozialleistungen&#8220; braucht. Deshalb ist es eine mit fast vollst\u00e4ndiger Sicherheit eintretende Vorhersage, wenn im Rahmen der Digitalisierung damit zu rechnen ist, dass in den n\u00e4chsten 10 Jahren in Deutschland mindestens 100.000 LKW-Fahrer ihren Arbeitsplatz verlieren werden.<\/p>\n<p>Warum aber wird diese absehbare Realit\u00e4t in allen Diskussionen so hartn\u00e4ckig verleugnet; gibt es die irrationale Hoffnung, dass irgendeine politische Instanz den Einsatz selbstfahrender LKW verbieten werde? Es ist wohl nur psychologisch zu erkl\u00e4ren, dass geleugnet wird, was kommt. Denn nur dieses Leugnen hilft, die Folgen der Digitalisierung zu verdr\u00e4ngen und die irrsinnige Hoffnung aufrecht zu erhalten, es werde &#8222;schon nicht so schlimm&#8220; kommen. Schlimm in diesem Zusammenhang ist die absehbare Massenarbeitslosigkeit unter LKW-Fahrer*innen &#8211; einem der wenigen massenhaft verbreiteten Berufe, die nicht nur mit wenig Lern-Aufwand ein (prek\u00e4res) Lohnarbeits-Einkommen erm\u00f6glichten, sondern den aus der absteigenden unteren Mittelschicht kommenden (fast ausschlie\u00dflich) m\u00e4nnlichen Fahrern ein gewisses Sozialprestige als &#8222;Trucker&#8220; verschafften.<\/p>\n<p>Und es bedarf wohl auch psychologisch-ideologischer Kategorien, warum anhand solcher absehbarer Produktivit\u00e4tsexplosionen im sp\u00e4ten Kapitalismus nicht dar\u00fcber diskutiert wird, dass es innerhalb der kapitalistischen Arbeitskr\u00e4ftekonkurrenz kein Entrinnen gibt aus dem Heer der massenhaft ihrer Erwerbsarbeitsm\u00f6glichkeit beraubten &#8222;\u00dcberfl\u00fcssigen&#8220;. In einer kapitalistischen Wirtschaft und Gesellschaft wird gemacht, was betriebswirtschaftlich rational ist &#8211; also, was die Rendite des investierten Kapitals erm\u00f6glicht und im allgemeinen Konkurrenzkampf einen Vorteil verschafft. All das ist nicht nur beim selbstfahrenden LKW garantiert, sondern l\u00e4ngst vielfach ge\u00fcbt im Rahmen der allgemeinen Digitalisierung. Innherhalb der kapitalistischen Logik gibt es keine L\u00f6sung f\u00fcr dieses Problem, dass der Kapitalismus in Zeiten der Massenproduktion zwar volkswirtschaftlich angewiesen ist auf eine massenhafte Zahl von Lohnabh\u00e4ngigen, die ihr Geld zum Lebensunterhalt verkonsumieren &#8211; dies aber das Gegenteil der betriebswirtschaftlichen Logik ist, dass zur Steigerung der Kapitalrendite (Personal-)Kosten best\u00e4ndig gesenkt werden m\u00fcssen, was \u00fcber die Marktkonkurrenz (Preissenkung) angetrieben wird.<\/p>\n<p>Zur Verdeutlichung lohnt ein Blick in eine der Industrien, die ihre Produktivit\u00e4tsexplosion schon seit l\u00e4ngerem erlebt. Die deutsche Druckindustrie hat in nur 15 Jahren die Zahl der dortigen Lohnarbeitspl\u00e4tze massiv von 220.000 auf 140.000 reduziert &#8211; begleitet von einer gleichzeitig stattfindenden massiven Senkung der Reall\u00f6hne durch Tarifflucht und Lohndumping durch Outsourcing (Leiharbeit, Werkvertr\u00e4ge). Von den 80.000 &#8222;\u00dcberfl\u00fcssigen&#8220; dieses Industriezweigs hatten einige das Gl\u00fcck in Rente gehen zu k\u00f6nnen, hatten einige das Gl\u00fcck, \u00fcber Sozialpl\u00e4ne den Weg in die Arbeitslosigkeit materiell abmildern zu k\u00f6nnen. Und es gab auch einige Facharbeiter (Elektriker, Schlosser), die in anderen Industriezweigen unterkamen. Aber vor allem die angelernten &#8222;Helfer&#8220;, die angeh\u00f6rigen der unteren Lohngruppen, verloren ihren Arbeitsplatz ganz und mussten mitansehen, dass ihr Arbeitsplatzverlust f\u00fcr die kapitalistischen Manager eines der wirkungsvollsten &#8222;Argumente&#8220; zur Durchsetzung von betrieblichen Lohnverzichten und Arbeitszeitverl\u00e4ngerungen war.<\/p>\n<p>Die Irrationalit\u00e4t in der Diskussion, um die durch digitale Technologien gespeiste Produktivit\u00e4tsexplosion, der seit langem kein gleichwertiges &#8222;Wachstum&#8220; in &#8222;neue&#8220; Produkte und M\u00e4rkte entgegensteht &#8211; f\u00fchrt in der derzeitigen Krisenphase des sp\u00e4ten Kapitalismus in den Industriel\u00e4ndern zu einer absehbaren Explosion der Massenarbeitslosikgeit. Die durch &#8222;Industrie 4.0 \/ Arbeit 4.0 &#8220; entstehende Masse &#8222;\u00fcberfl\u00fcssiger&#8220; Menschen kann nicht verringert werden durch den &#8222;Export&#8220; von Arbeitslosigkeit in die L\u00e4nder der kapitalistischen Peripherie (allgemein &#8222;Entwicklungs-&#8220; oder &#8222;Schwellenl\u00e4nder&#8220; genannt) &#8211; und in der Gesamtzahl auch nicht durch Ma\u00dfnahmen zur Verbesserung der Stellung in der globalen Marktkonkurrenz (z.B. &#8222;Sozialabbau&#8220;, &#8222;Steuerwettbewerb&#8220;, &#8222;Senkung der Lohnst\u00fcckkosten&#8220;). Zeitlich befristet k\u00f6nnte lediglich die in der neoliberalen Ideologie &#8222;verbotene&#8220; Umverteilung der Produktivit\u00e4tsfortschritte an die Lohnarbeitenden (vor allem durch massive Arbeitszeitverk\u00fcrzung mit vollem Lohnausgleich) Luft verschaffen (zeitlich befristet, weil das die \u00f6kologischen Folgen der derzeitigen Produktionsweise nicht l\u00f6st). Weil die absehbare Realit\u00e4t aber verleugnet wird, gibt es auch keine Diskussion dar\u00fcber, mit welchen Mitteln die Folgend er Produktivit\u00e4tsexplosion zu behandeln sind. &#8222;Nat\u00fcrw\u00fcchsig&#8220; bricht sich damit die &#8222;unbewu\u00dfte&#8220; Reaktion auf die kapitalistische Produktionsweise und ihre Krisen Bahn. Im konkreten Beispiel: anstatt dar\u00fcber zu reden, was mit hunderttausenden LKW-Fahrer*innen geschehen soll, denen die M\u00f6glichkeit zur Lohnarbeit durch die Digitalisierung ihres Berufs genommen wird; verlegen sich Betroffene und Gesellschaft auf die Hoffnung, dass schon irgendein g\u00fctiger Diktator (Modell Donald Trump) seinen Kapitalistenfreunden den Einsatz selbstfahrender LKW verbieten wird.<\/p>\n<p>Nebenbei: Transportlogistik ist zwar zentraler Bestandteil aller Wertsch\u00f6pfungsketten in der arbeitsteiligen Gesellschaft. Aber Digitalisierung findet nicht nur bei selbstfahrenden LKW statt. Deshalb ist nicht nur von LKW-Fahrer*innen zu reden, sondern auch von Taxi- und Busfahrer*innen, von Lieferdiensten, von Supermarkt-Kassierer*innen, von B\u00fcro-Sachbearbeiter*innen und vielelm mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diskussionen zum Thema &#8222;Arbeit 4.0 \/ Industrie 4.0&#8220; &#8211; also zu den Auswirkungen der umfassenden Digitalisierung &#8211; nehmen immer dann eine interessante Wendung, wenn im Rahmen einer solchen Diskussion die zuk\u00fcnftige Entwicklung eines Wirtschaftszweiges oder Berufsfeldes diskutiert wird. Wird etwa versucht, die &#8222;digitale Revolution&#8220; f\u00fcr den Wirtschaftszweig Stra\u00dfentransportlogistik und damit den Beruf LKW-Fahrer*in zu er\u00f6rtern, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,979],"tags":[1302,1305,1304,1301,1303,1300],"class_list":["post-2794","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ueberfluessige","category-strahlende-zukunft","tag-arbeit-4-0","tag-betriebswirtschaft","tag-conventional-wisdom","tag-digitalisierung","tag-industrie-4-0","tag-lkw"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2794"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2794"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2794\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2797,"href":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2794\/revisions\/2797"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2794"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2794"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2794"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}