{"id":2790,"date":"2016-12-11T12:32:32","date_gmt":"2016-12-11T11:32:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/?p=2790"},"modified":"2016-12-11T12:32:32","modified_gmt":"2016-12-11T11:32:32","slug":"viagra-maenner-als-macht-vorbild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/2016\/12\/11\/viagra-maenner-als-macht-vorbild\/","title":{"rendered":"Viagra-M\u00e4nner als Macht-Vorbild"},"content":{"rendered":"<p>Im englischen Sprachraum hat sich die Figur des &#8222;entrepreneurs&#8220; als ideologisches Vorbild des Sp\u00e4tkapitalismus breit durchgesetzt. Die Unternehmerpers\u00f6nlichkeit, die mit (wenig) Kapital viel wagt und am Ende als erfolgreicher Markteroberer mit Milliardenverm\u00f6gen (in Aktien) dasteht ist das &#8222;role model&#8220; f\u00fcr all die jungen MBA-Studenten, die ihre Studienkredite gerne mit den Super-Einkommen der CEO&#8217;s weltbeherrschender Unternehmen abl\u00f6sen m\u00f6chten &#8211; Unternehmen, die einst als &#8222;start up&#8220; begonnen haben.<\/p>\n<p>Exemplarisches Beispiel daf\u00fcr war Steve Jobs von Apple, dem es gelang technische &#8222;gadgets&#8220; am Markt erfolgreich zu machen, indem er sie mit &#8222;hipness&#8220; psychologisch so lange auflud bis sie zum &#8222;must have&#8220; wurden. Verbunden mit dem Outsourcing der eigentlichen Produktion in eine Biliglohn-Wertsch\u00f6pfungskette erm\u00f6glichte dies dem Apple-Konzern Umsatzrenditen von nahe 50% des Verkaufspreises &#8211; ein Gewinn-Paradies, das im alten Kapitalismus des fordistischen Industriezeitalters allenfalls Kriminelle Mafia-Banden erzielten.<\/p>\n<p>Bei den verehrten Leitfiguren von Apple, Facebook und Google wird dabei aber \u00fcbersehen, dass deren Gesch\u00e4ftsmodelle vor allem darauf beruhen, mit ihren Produkten soviel Marktanteile zu erobern, dass den Kunden gegen\u00fcber diesen weltbeherrschenden Unternehmen keine Alternative mehr bleibt. Es geht den Rollenvorbildern des sp\u00e4ten Kapitalismus also um ein Modell der Machteroberung und des Machterhalts auf tendenziell monopolistischem Niveau.<\/p>\n<p>Das aber ist ein politisches Konzept, das auch erkl\u00e4rt, warum im Alltag des Sp\u00e4tkapitalismus viele Manager nicht nur auf die erfolgreichen &#8222;start up&#8220; Gr\u00fcnder schielen, sondern vor allem auf politische Systeme, in denen autorit\u00e4r-antidemokratisches Handeln den Alltag bestimmt. Denn Putins Russland, Erdogans T\u00fcrkei oder Orbans Ungarn versprechen hohe Gewinnmargen, wenn man sich den herrschenden andient &#8211; Gewinne, die gemacht werden k\u00f6nnen, ohne dass Parlamente, Gewerkschaften oder eine Zivilgesellschaft sich den Wagniskapitalgebern und &#8222;entrepreneuren&#8220; bei deren wirtschaftlichen Entscheidungen in den Weg stellen. Demokratie und Arbeitsbedingungen oberhalb des Billiglohns sind den sp\u00e4tkapitalistischen Unternehmern verzichtbar &#8211; und der Verzicht wird verhandelt mit den Politikern, die autorit\u00e4r-mafi\u00f6s an der Gewinnmaximierung teilhaben wollen.<\/p>\n<p>Und weil es um Macht geht, ist es auch nicht verwunderlich, dass der &#8222;Viagra-Mann&#8220;, der sexuelle Virilit\u00e4t darstellende Politiker wieder in den Vordergrund der \u00d6ffentlichkeit r\u00fcckt. Mit dem Mafia-Paten und dem &#8222;entrepreneur&#8220; verbindet ihn, dass er sich nicht bremsen lassen will von Gesetzen oder demokratisch wechselnden Mehrheiten. Dass dieses Starke-M\u00e4nner-Bild gerade bei den im Sp\u00e4tkapitalismus abgeh\u00e4ngten Schichten m\u00e4nnlicher Industriearbeiter popul\u00e4r ist (egal ob an der Wahlurne in den USA oder bei der Landbev\u00f6lkerungen in Russland, Ungarn oder Polen) zeigt, dass es die Trumps, Putins und Orbans verstehen, den wirtschaftlichen Misserfolg ihrer Klientel hinter dem Surrogat des starken wei\u00dfen Mannes verschwinden zu lassen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie realwirtschaftlich den mafi\u00f6s-monopolistischen Niedriglohnkapitalismus weiter treiben, \u00fcberh\u00f6hen Sie die &#8222;goldene&#8220; Vergangenheit des fordistischen Kapitalismus bei dem Massenproduktion mit Massenkonsum einher ging (samt Demokratie und einer gewerkschaftlich gut organisierten Arbeiterschaft) &#8211; und behaupten an dessen Niedergang seien nicht die kapitalistischen Wachstumsprobleme schuld (mitsamt ihrer Entwertung menschlicher Arbeit und Vernichtung der nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen) &#8211; sondern Zuwanderung aus der kapitalistischen Peripherie und der &#8222;Genderwahn&#8220; (als sprachliches Symbol f\u00fcr eine liberalisierte private und kulturelle Lebenswelt).<\/p>\n<p>Nur scheinbar passen die Frauen des rechten Lagers nicht in dieses Bild alter wei\u00dfer M\u00e4nner, die &#8211; notfalls mit medizinischer Hilfe &#8211; sexuelle Macht-Potenz demonstrieren. Marine Le Pen, Frauke Petry oder die polnische Ministerpr\u00e4sidentin exekutieren das M\u00e4nner-Programm scheinbar in blo\u00dfer Fortsetzung rechtskonservativer Frauen-Vorbilder wie Margaret Thatcher oder Angela Merkel. Was \u00fcbersehen wird ist, dass all diese Frauen ihre politische Karierren mit Hilfe oder auf dem Erbe alter wei\u00dfer M\u00e4nner aufbauen. Der Front-National-Gr\u00fcnder Le Pen hat seine Partei zun\u00e4chst gro\u00dfz\u00fcgig und dann im Streik an seine Tochter \u00fcbergeben. Frauke Petry ist ohne Bernd H\u00f6cke und Alexander Gauland nicht denkbar &#8211; und in Polen sind es die Kaczynski-Br\u00fcder und konservative Kleriker, die den Grundstein f\u00fcr die aktuelle Entdemokratisierung gelegt haben. Selbst Merkel ist ohne Helmut Kohl nicht denkbar &#8211; und auch Thatcher nicht ohne Churchill.<\/p>\n<p>So verfolgen die (alten) wei\u00dfen M\u00e4nner als &#8222;entrepreneure&#8220; und Politiker aus ganz pers\u00f6nlichen Macht-Motiven heraus ihre Eroberungsprojekte &#8211; und finden dabei Zustimmung von denen, die sie \u00f6konomisch abh\u00e4ngen &#8211; weil sie den Abgeh\u00e4ngten ein einfaches Erkl\u00e4rungsmuster f\u00fcr ihr Abgeh\u00e4ngtsein anbieten. Ein Freund-Feind-Bild, das ankn\u00fcpft an &#8222;gute&#8220; Zeiten und damit den Blick verstellt auf die realen \u00f6konomischen Entwicklungen im sp\u00e4ten Kapitalismus.<\/p>\n<p>Umso wahrscheinlicher deshalb, dass die m\u00e4chtigen (alten) wei\u00dfen M\u00e4nner ihre Gefolgschaft abgeh\u00e4ngter wei\u00dfer M\u00e4nner benutzen, um das barbarische Zerst\u00f6rungswerk voranzutreiben, das dem sp\u00e4ten Kapitalismus innewohnt &#8211; Krieg, Vertreibung, faschistische Diktatur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im englischen Sprachraum hat sich die Figur des &#8222;entrepreneurs&#8220; als ideologisches Vorbild des Sp\u00e4tkapitalismus breit durchgesetzt. 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