{"id":1980,"date":"2010-12-22T14:14:01","date_gmt":"2010-12-22T13:14:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/?p=1980"},"modified":"2010-12-22T14:14:01","modified_gmt":"2010-12-22T13:14:01","slug":"spd-klagt-sarrazin-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gegenstrom.net\/wordpress\/2010\/12\/22\/spd-klagt-sarrazin-an\/","title":{"rendered":"SPD klagt Sarrazin an"},"content":{"rendered":"<p>In einem bemerkenswerten Aufsatz (&#8222;Die Zeit 16.9.2010) nimmt sich der SPD-Vorsitzende Siegmar Gabriel Thilo Sarrazins bev\u00f6lkerungspolitische Thesen vor und zeigt, warum diese Thesen nicht mit sozialdemokratischen Grundwerten vereinbar sind und Sarrazin deshalb aus der Partei ausgeschlossen werden muss. Hier die wichtigsten Zitate:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;&#8230;Liest man &#8230; sein Buch, stellt man fest: Es geht darin im Kern gar nicht um Integration. Es ist ein Buch \u00fcber &#8222;Oben&#8220; und &#8222;Unten&#8220; &#8230; und dar\u00fcber, warum es nicht nur gerecht, sondern auch aus biologischen Gr\u00fcnden v\u00f6llig normal ist, dass es dieses &#8222;Oben&#8220; und &#8222;Unten&#8220; gibt&#8230;<\/p>\n<p>Er greift&#8230; zur\u00fcck auf bev\u00f6lkerungspolitische Theorien, die Ende des 19. Jahrhunderts und inder ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts die Grundlage f\u00fcr die schrecklichsten Verwirrungen &#8230; wurden. Staatliche Entscheidungen \u00fcber gew\u00fcnschtes und unerw\u00fcnschtes Leben f\u00fchrten in Schwedern &#8211; unter Anleitung von Sozialdemokraten (!) &#8211; zu 60 000 Sterilisationen&#8230; Am katastrophalen Ende bem\u00e4chtigten sich die Nationalsozialisten der Eugenik&#8230;<\/p>\n<p>Es gibt also reale Erfahrungen mit den Allmachtsfantasien einer Politik, die meint die besseren Menschen schaffen zu k\u00f6nnen&#8230; Wie weit muss man sich intellektuell verirren, um die Ereignisse in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts vollst\u00e4ndig auszublenden, obwohl sie nat\u00fcrlich der grauenhafteste &#8222;empirische Befund&#8220; waren, den man f\u00fcr die Unzul\u00e4ssigkeit derartiger &#8222;Fragestellungen&#8220; finden kann. Das Grundgesetz ist ja &#8211; den N\u00fcrnberger \u00c4rzteprozess noch vor Augen &#8211; gerade gegen diese Verbindung der sozialen mit der genetischen Frage geschrieben worden&#8230;<\/p>\n<p>F\u00fcr Sarrazin beruht die Schichtung einer Gesellschaft &#8230; \u00fcberwiegend auf nat\u00fcrlicher biologischer Auslese. Einflussfaktoren wie Einkommensverh\u00e4ltnisse, Bildung, Sozialstatus, kulturelle Pr\u00e4gung, Integration &#8230; in den Arbeitsmarkt sind f\u00fcr ihn zu vernachl\u00e4ssigende Restgr\u00f6\u00dfen. Der Erfolg oder Misserfolg einer Gesellschaft ist f\u00fcr Sarrazin deshalb vor allem davon abh\u00e4ngig, dass die &#8222;richtigen&#8220; Menschen viele Kinder bekommen, um hre Intelligenz zu vererben&#8230;<\/p>\n<p>Mit &#8222;vom Menschen gesteuerter negativer Selektion&#8220; mein Sarrazin nicht nur die Zuwanderung muslimischer Migranten&#8230; Er meint auch zu hohe Sozialhilfes\u00e4tze, die es unteren Schichten erm\u00f6glichen, Kinder zu ern\u00e4hren&#8230; Thilo Sarrazins Bev\u00f6lkerungspolitik hat nicht &#8222;nur&#8220; Aische und Ali im Sinn. Es geht ihm auch um Kevin und Cornelia, wenn sie nicht aus der richtigen Schhicht kommen&#8230;<\/p>\n<p>Das gleiche gilt f\u00fcr den L\u00e4nderfinanzausgleich zwischen dem S\u00fcden und dem Norden&#8230; Nicht die Deindustrialisierung des Nordostens nach der Wiedervereinigung ist also schuld am hohen Anteil von Hartz-IV-Empf\u00e4ngern, sondern die genetisch bedingt weniger t\u00fcchtige Bev\u00f6lkerung. Wer denen &#8230; im Nordosten Geld gibt, der schmei\u00dft f\u00fcr Thilo Sarrazin nur Geld zum Fenster hinaus&#8230; Aber eigentlich ist das Ganze noch viel Schlimmer, denn selbst die Abwanderung aus dem Norden in den S\u00fcden ist ein Ausweg: Wenn sich n\u00e4mlich die Norddeutschen mit den S\u00fcddeutschen &#8230; vermischen, sinkt die durchschnittliche Intelligenz der S\u00fcddeutschen. Wohlgemerkt: Dieser absurde Unsinn stammt nicht aus einer Aschermittwochsrede in Bayern, sondern aus dem medial wie kein zweites Buch gehypten angeblichen &#8222;Integrations-Bestseller&#8220;&#8230;<\/p>\n<p>Obwohl Sarrazin l\u00e4ngere Ausf\u00fchrungen der Bildungspolitik widmet, zweifelt er doch an deren Wirksamkeit&#8230; Wenn also heute 40 Prozent der ausl\u00e4ndischen Jugendlichen in Deutschland keinen berufsqualifizierenden Abschluss machen, dann liegt das dem Grunde nach an den Mendelschen Gesetzen und nicht etwa an mangelnder Sprachf\u00f6rderung oder fehlenden Ganztagesschulen. Es liegt dann \u00fcbrigens auch nicht am mangelnden Integrationswillen vieler zugewanderter Eltern&#8230; Nimmt man Sarrazin ernst, ist es egal, ob sich die Eltern anstrengen, ihre Kinder zur Sprachf\u00f6rderung in den Kindergarten schicken oder die Hausaufgaben kontrollieren. Der Misserfolg ist ja bereits genetisch angelegt&#8230;<\/p>\n<p>Auch von lebenslangem Lernen h\u00e4lt der Autor nichts. Wer k\u00f6rperlich arbeitet ist f\u00fcr ihn dort richtig aufgehoben&#8230; &#8222;Jeder auf seinen Platz!&#8220; Selten hat es eine so unverbl\u00fcmte Wiederbelebung der st\u00e4ndischen Gesellschaft gegeben&#8230;<\/p>\n<p>Thilo Sarrazin scheut sich &#8230; auch nicht, Vorschl\u00e4ge daf\u00fcr zu machen, wie man diese gezielte Auswahl von scheinbar werthaltigen Eltern voranbringen k\u00f6nnte&#8230; Die Forderung, hohe staatliche Geb\u00e4rpr\u00e4mien gezielt f\u00fcr unter 30-j\u00e4hrige Akademikerinnen auszuloben, klingt schon einigerma\u00dfen absurd. Die dann allerdings beschriebene politische Aufgabe, diese nur jenen Frauen zukommen zu lassen, die aus der richtigen gesellschaftlichen Gruppe kommen, ist zutiefst verst\u00f6rend&#8230; Thilo Sarrazin f\u00fchrt keine Integrations-, sondern eine Selektionsdebatte.<\/p>\n<p>Sarrazin greift dabei &#8230; auf Francis Galton zur\u00fcck&#8230; Galton ist ein britischer Naturforscher, der im 19. Jahrhundert als Vater der modernen Eugenik von dem Gedanken beseelt war, &#8222;die Qualit\u00e4t der Menschheit durch gezielte Auswahl der Eltern zu verbessern.&#8220;<\/p>\n<p>Es ist also im Deutschland des 21. Jahrhunderts m\u00f6glich, mit den eugenischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts st\u00fcrmischen Beifall zu erzeugen&#8230; Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich f\u00fcr das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser R\u00fcckgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auff\u00e4llt, ja mehr noch als &#8222;notwendiger Tabubruch&#8220; frenetisch gefeiert wird&#8230; Wem es bei der Botschaft &#8222;neues Leben nur aus erw\u00fcnschten Gruppen&#8220; nicht kalt \u00fcber den R\u00fccken l\u00e4uft, der hat wohl nichts begriffen&#8230;<\/p>\n<p>Wer uns empfiehlt, diese Botschaft in unseren Reihen zu dulden, der fordert uns zur Aufgabe all dessen auf, was Sozialdemokratie ausmacht: unser Bild vom freien und zur Emanzipation f\u00e4higen Menschen&#8230;<\/p>\n<p>Sarrazin und seine medialen Helfershelfer sind dabei, Theorien der staatlichen Genomauswahl &#8230; hoff\u00e4hig zu machen. Andere und Schlimmere werden sich darauf berufen. Wer unter dem Banner der Meinungsfreiheit (&#8222;Das wird man doch wohl noch sagen d\u00fcrfen&#8230;&#8220;) ethnische &#8230; Ressentiments in der Politik wieder gesch\u00e4ftsf\u00e4hig macht, der bereitet den Boden f\u00fcr die Hassprediger im eigenen Volk&#8230;&#8220;<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem bemerkenswerten Aufsatz (&#8222;Die Zeit 16.9.2010) nimmt sich der SPD-Vorsitzende Siegmar Gabriel Thilo Sarrazins bev\u00f6lkerungspolitische Thesen vor und zeigt, warum diese Thesen nicht mit sozialdemokratischen Grundwerten vereinbar sind und Sarrazin deshalb aus der Partei ausgeschlossen werden muss. 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