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Verbraucher-Illusionen

Kaum eine Figur ist im späten Kapitalismus so überhöht wie „der Verbraucher“. Schon die Verwendung dieser männlichen Form zeigt, dass es hier um ideologische Bilder geht, die nichts mit der Realität zu tun haben. Sonst würde nämlich auch die Verbraucherin eine Rolle spielen – und zwar nicht nur als familiäres Anhängsel des „Ernährers“, der als Produktionsarbeiter das Geld „verdient“, das nötig ist, um Verbraucher zu sein.

Aber so wie die Frau als eigenständiges Wirtschaftssubjekt in diesem Bild nicht vorkommt, so wenig kommen auch andere Realitäten des kapitalistischen Produktions- und Verwertungsprozesses vor. In seltsamer Abspaltung wird so getan, als geschähe der „Verbrauch“ außerhalb der Sphäre der Wertschöpfungsketten. Das allerdings ist konsequent im Rahmen der neoliberalen Ideologie, die nur den „Markt“ als Ort wirtschaftlichen Geschehens akzeptiert. Wenn es nur noch um das Kaufen von Waren geht, dann wird der Käufer zum Dreh- und Angelpunkt hinter dem Verkäufer, Produzenten und gesellschaftlich-ökonomische Verhältnisse aus dem Sichtfeld verschwinden.

Deshalb wird dem Verbraucher im neoliberalen Weltbild auch so viel Aufmerksamkeit gewidmet. Weil es eine politische Regulierung der Produktion nicht geben darf, muss am Ende der „Verbraucherschutz“ diese fehlende Regulierung übernehmen. Das ist in jeder Hinsicht illusionär – denn schon bei der Frage der „Verbraucherinformation“ tun sich Abgründe auf. Die Vorstellung, es könnte ein Subjekt geben, das völlig frei und vollständig informiert, Kaufentscheidungen trifft ist unhaltbar. Der Verbraucher ist keineswegs frei, sondern als Konsument im Kapitalismus abhängig davon, dass er genügend Geldmittel für den Konsum hat. Es nützt ihm die ausführlichste Information nichts, wenn ihm das Geld zum Kauf fehlt. Deswegen können Beipackzettel noch so ausführlich sein, Labels noch so zertifiziert und kontrolliert, Vergleichstest noch so objektiv – am Ende werden fast alle Kaufentscheidungen über den Preis getroffen (allenfalls das gefühlte Preis-Leistungs-Verhältnis des Käufers kann noch eine Rolle spielen, wenn der Konsument genügend Geldmittel für diese Form der Entscheidung hat). Es wird also nichts, mit dem Verbraucher, der sein Konsumverhalten ökologisch und sozial ausrichtet – egal wieviele Energieverbrauchslabels oder Fairtrade-Aufkleber die Ware hat. Im Kapitalismus wird die Produktion so organisiert, dass sie dem Investor den größtmöglichen Profit verspricht – und da geht es dann um Kostensenkung, um am Markt niedrigere Preise anbieten zu können, um diesen Markt zu monopolisieren. Deshalb gibt es die großen Handelsketten, die ihre Lieferanten unter Druck setzen, und die ihre Kunden mit Sonderangeboten locken. Billig geht immer.

Und illusionär ist auch der politisch-bürokratische „Verbraucherschutz“. Da wo es unmöglich ist, die Produktion zu regulieren, da kann am Ende auch niemand den Verbraucher vor schlechter Qualität und vor Betrug schützen. Nach jedem Lebensmittelskandal, nach dem „Dieselgate“ und vielen anderen Beispielen wird deutlich, dass es im Wesen des Kapitalismus liegt, Profit auch dadurch zu steigern, dass die wenigen existierenden Regulierungen kriminell umgangen werden. Der Verbraucher, der sich gerne als Opfer solcher Machenschaften sieht, ist in Wirklichkeit deren Komplize – denn er will betrogen sein, um den billigsten Preis zu ergattern oder wenigstens die Illusion haben, dass alles, was ihm in der Werbung versprochen wird, wahr sei.

Dass sich die Politik auf Verbraucherschutz und Verbraucherinformation versteift, ist eng verbunden mit der derzeitigen gesellschaftlichen Unfähigkeit, Produktion und Konsum zu regulieren. Wenn es beispielsweise keine wirksamen Recycling-Regelungen in der Getränkewirtschaft gibt, weil die umweltschädlichen Aludosen und Plastikflaschen den großen Konzernen mehr Profit bescheren, als etwa Glas-Pfandflaschen, dann nützt auch kein Alibi-Dosenpfand und kein blauer Umweltengel. Und dann hilft auch kein Verbraucherschutzministerium, wenn bekannt wird, dass sich aus dem Plastik giftige Stoffe in die abgefüllten Getränke lösen.

Die Illusionen rund um den Verbraucher sollen die kapitalistische Produktionsweise und Gesellschaftsordnung stabilisieren – indem sie den Konsumenten von wesentlichen Teilen der Ökonomie und Politik abspalten und ihn damit der Macht der Veränderung berauben. Am Ende sind wir als Verbraucher rundum informiert und ministeriell geschätzt – und doch bloß dazu da, im Konsum am Ende der Wertschöpfungskette die von uns mit erarbeiteten Profite zu realisieren, die den Kreislauf des Kapitalismus antreiben: Investition-Produktion-Konsum-Profit-Investition…