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1986: Minsky blickt durch

Die Süddeutsche Zeitung feiert in ihrer heutigen Ausgabe den US-Ökonomen Hyman Minsky der 1986 sein Hauptwerk „Stabilizing an unstable economy“ veröffentlichte. War er damals ein Außenseiter in der Wirtschaftswissenschaftler-Zunft, ist er 13 Jahre nach seinem Tod derjenige, der schon vor 23 Jahren begriffen hatte, warum es zu einer Krise wie der heutigen kommen kann:

Minsky erkannte, dass es im Kapitalismus 2 Preissysteme gibt – die Güterpreise, die sich aus Produktionskosten plus Gewinnaufschlag zusammensetzen und die Vermögenswerte (Aktien und Immobilien), deren Preis von Renditeerwartungen abhängt. Und weil beides nicht richtig zusammenpasst gibt es das Instrument des Kredits, das einen fatalen Mechanismus aus Börseneuphorie und Kapitalmarkt-Panik auslöst: Banken und Kunden erwarten, dass künftige Gewinne auf dem Gütermarkt ausreichen Zins und Tilgung zu bezahlen („hedge finance“, gesicherte Finanzierung). Klappt das, findet der erfolgreiche Unternehmer Nachahmer, die Preise für Kapitalgüter steigen, der Boom bricht aus. Irgendwann merken die Banken, dass sie nur spekulative Projekte mit ihren Krediten finanzieren, bei denen die Rendite zwar noch für die Zinsen, nicht mehr aber für die Tilgung reicht.

Das ist der „Minsky-Moment“. Denn danach werden die spekulativen Finanzgüter im „Ponzi-Bereich“ finanziert – also mit einer Art Schneeballsystem (benannt nach dem Anlagebetrüger Charles Ponzi) bei dem neue Kredite aufgenommen werden, um Zins und Tilgung alter Kredite zu bezahlen. Wenn eine Bank genügend Ponzi-Projekte ansammelt, ist sie pleite!

Bei der heutigen Krise lag der „Minsky-Moment“ im Herbst 2007, als die Deflation der Vermögenswerte begann, in deren Gefolge trotz aller Verbriefungen und Derivate am Ende allerlei Banken und Versicherungen pleite gingen und vom Staat gerettet wurden (oder auch nicht): IKB, SachsenLB, Hypo Real Estate, Northern Rock, Bear Stearns, Lehman Brothers, Citigroup, AIG.

Die von Minsky vorgeschlagenen Reformen fanden kein Gehör: Er wollte für Stabilität sorgen, indem er ein langsameres Wachstum des Lebensstandards vorschlug – die Wirtschaft sollte selbst viel konsumieren, wenig investieren und von einem starken Staat gesteuert werden. Arbeitslose sollten in diesem System übrigens staatliche Arbeitsplätze zum Mindestlohn besetzen müssen.

Kreditvergabe rassistisch

Die schwarze Mittelschicht wird in den USA bei der Kreditvergabe benachteiligt. So zahlen schwarze Familien trotz eines vergleichbaren Jahreseinkommens (68.000 Dollar) fünfmal häufiger die höheren Zinsen von Krediten, die über Makler vermittelt wurden, weil die Banken – angeblich wegen fehlender Bonität – einen Kredit ablehnten. Bei einer Hypothek von 350.000 Dollar zahlen die Schwarzen so 272.000 Dollar mehr Zins als ihre weißen Nachbarn.

Übrigens: Die Kreditmakler, die Schwarze aufsuchen müssen, weil sie den Bankangestellten wegen ihrer Hautfarbe offenbar weniger kreditwürdig erscheinen als Weiße mit demselben Einkommen, verkaufen die teuren „Subprime“-Kredite besonders gern, weil es dafür satte Verkaufsprovisionen gibt.

Quelle: die tageszeitung 5.6.2009

Ägyptische Kleinsparer

Ein wenig erinnert das Ganze an die Sparvereine, die es noch vor 30 Jahren in deutschen Dörfern gab. Jedenfalls legen arme Ägypter ihr Geld in Nachbarschaftshilfe nach einem einfachen System an, das nicht nur dem muslimischen Zinsverbot genügt, sondern die Sparer auch an zinslose Kleinstkredite kommen lässt.

Das Prinzip: 10 Leute schließen sich zu einem Sparverein zusammen. Jeder zahlt monatlich 100 ägyptische Pfund (13 Euro) ein. Im ersten Monat bekommt der Gründer des Sparvereins (meist eine Frau) das eingezahlte Geld – quasi als Kleinkredit von 1000 Pfund. In den nächsten 9 Monaten werden die übrigen Teilnehmer reihum ausbezahlt. Der letzte in der Kette hat also durch seine Einzahlungen 1000 Pfund gespart.

Vielleicht auch ein Modell für arme Arbeitslose in Europa: Sich wie die armen Ägypter von den Banken verabschieden und Sparvereine auf gegenseitiges Vertrauen gründen…

Quelle: die tageszeitung, 30.5.2009