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Kein Crash aber Index sinkt

Als metaphysische Mysterien beschreibt die „telepolis“ (14.9.2011), dass bislang der große Aktiencrash ausblieb. Billiges Geld der Zentralbanken, der Renditezwang der institutionellen Anleger, die hohen Einstiegspreise bei anderen „Finanzprodukten“ (Immobilien, Gold u.ä.) und die Möglichkeit, mit minimalen Differenzen Geld zu verdienen und dies mit Leerverkäufen auch noch bei fallenden Kursen werden in dem Artikel als Gründe genannt. Der ganz große Crash bleibt aus, obwohl im Börsen-Casino nur noch Altlasten gehandelt oder umverpackt werden. Aber am Ende sinken die Kurse und Börsen-Indizes wie im Beispiel Japan, wo vor 20 Jahren der Nikkei-Index der Tokioter Börse mit Höchsständen von 40.000 Punkten glänzte, die er seither nie mehr erreichte (aktuell dümpelt dieser Index deutlich unter 10.000 Punkten).

Sieben Dummheiten

Vor, während und nach einem Crash haben „Analysten“ immer eine „Erklärung“ parat, warum die Börsen-Meute gerade in diese oder jene Richtung trampelt. In der „telepolis“ hat Alexander Dill einmal diese sieben Dummheiten übersichtlich präsentiert. Sehr lesenswert für alle, die von „Marktbereinigung“, „Kurskorrektur“, „Zyklus“ oder „Konjunktur“ die Schnauze voll haben.

Panikniveau steigt

Wird in einer Volkswirtschaft ein bestimmtes „Panikniveau“ erreicht, so die „telepolis“ in einem Bericht über eine Studie von Nicholas Bloom, so kommt diese wegen der abwartenden Haltung der Konsumenten und der damit abnehmenden Binnenkonjunktur zum erliegen und rutscht in die Rezession. In dem Artikel gibt es auch eine dazu passende Grafik und folgendes Zitat:

„Wenn Menschen bezüglich ihrer Zukunft unsicher sind, dann warten sie ab und machen gar nichts. Unternehmen stellen niemanden neu an oder investieren, Konsumenten kaufen keine neuen Fernseher oder Autos und renovieren auch nicht ihre Häuser. Während jeder abwartet kommt die Wirtschaft zum Stillstand.“

Hinter dem Flash Crash

Ein wenig Einblick in die Debatten, die nach dem sogenannten „Flash Crash“ vom 6. Mai geführt wurden gab die „Financial Times“ (5.10.2010). Das interessanteste Detail:

Während die mit automatisierten Computerprogrammen arbeitenden Hochfrequenzhändler in nur 14 Sekunden 27.000 „Contracts“ der Standard & Poors 500 „Futures“ handelten – vorwiegend untereinander – wurden in dieser Zeit tatsächlich nur 200 Kontrakte dieser Börsenwetten auf die Entwicklung des S&P-Index gekauft.

Insgesamt stieg während dieses Crashs das Handelsvolumen in nur Sekunden auf über 70.000 Kontrakte pro Minute, was gleichzeitig den realen S&P-Index um 80 Punkte einbrechen ließ. Ausgelöst hatte den Börsenkrach ein einzelner „institutioneller Anleger“ – die Firma Waddell & Reed -, die wollten, dass Index-„Futures“ im Wert von 4,1 Milliarden US-Dollar in nur 20 Minuten ausgeführt wurden. Die Folge war, dass die Hochfrequenz-Handelssysteme wild verkauften und den Index nach unten zogen.

1962: Mathematiker warnt

Im Jahr 1962 publizierte der Mathematiker Benoît Mandelbrot einen Aufsatz, der jetzt wieder diskutiert wird. Seine These: Während eines Jahres passiere an den Finanzmärkten bis auf einen Tag nicht viel. Aber an diesem einen Tag entscheide sich Bankrott oder Milliardengewinn. Mandelbrots Schlussfolgerung: An den Börsen müsse man sich auf extreme Ereignisse einrichten. Deswegen dürfe man weniger Risiken eingehen, weniger Kredit aufnehmen und weniger Rendite erwarten.

Der Mathematiker, der später als Chaosforscher fraktale Mengen visualisierte („Apfelmännchen“), wurde dafür von der Finanzindustrie verlacht – etwa noch 2005 bei einem Vortrag bei der Deutschen Bundesbank. Es war das nervöse Lachen der Zocker. Denn Mandelbrots These lief ihrem Beruhigungs-Mantra, es gebe nur selten einen Börsencrash, zuwider. Dabei wies dieser eindeutig nach: Nach der konventionellen Theorie dürfte es zwischen 1916 und 2003 nur 58 mal passieren, dass der Dow-Jones-Aktienindex an einem Tag um mehr als 3,4 Prozent steigt oder fällt – tatsächlich geschah das an 1001 Tagen. Theoretisch sollte der Dow nur einmal in 300.000 Jahren um 7 Prozent an einem Tag schwanken. Tatsächlich geschah dies zwischen 1916 und 2003 48-mal.

Die Finanzmarktakteure verhalten sich so wie die Atomlobby: Sie postulieren, dass extreme Gefahren extrem selten sind – und wundern sich dann, wenn die Katastrophen häufiger eintreten als erwartet.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 10.8.2009