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21 Stunden

Aus London kommt ein neuer Anlauf für eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung. Für das 21. Jahrhundert, so die New Economics Foundatin (Stiftung für neue Wirtschaft), wäre eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 21 Stunden pro Woche ein guter Weg, um dem Teufelskreis aus zunehmendem Stress bei sinkenden Löhnen einerseits und steigender Erwerbslosigkeit andererseits zu entkommen.

Damit sind die Londoner Teil einer noch kleinen Bewegung, die das Thema Arbeitszeitverkürzung wieder auf die Tagesordnung setzen will. Arbeitszeitverkürzung sehen diese Gruppen als Ansatz für eine andere Art des Lebens und Wirtschaftens – umweltfreundlicher, menschlicher!

Quelle: telepolis, 10.1.2012

Arbeitszeitverkürzung mit Teil-Lohnausgleich

Jahrelang wurde Arbeitszeitverkürzung als „wirtschaftsfeindlich“ gebrandmarkt. Die IG Metall hat nun dieses Thema wieder ins Spiel gebracht – mit ihrem Angebot, den Tarifvertrag zur Arbeitsplatzsicherung aus dem Jahr 1995 (Verkürzung der Arbeitszeit um 3 Stunden wöchentlich ohne Lohnausgleich) so zu modifizieren, dass zum Arbeitsplatzerhalt die wöchentliche Arbeitszeit auf 28 Stunden abgesenkt werden könnte – wobei es die Beschäftigten dafür auf drei Viertel des sonst in dieser Zeit gezahlten Lohnes verzichten müssten.

Hintergrund sind die guten Erfahrungen der Metallbranche mit der Kurzarbeit in der Krise. Deshalb flankiert die IG Metall ihr Arbeitszeitverkürzungskonzept auch mit der Forderung, die Politik möge solche Formen der tariflichen Beschäftigungssicherung über die Arbeitsagentur arbeitsmarktpolitisch mitfinanzieren.

1932: Arbeitszeit verkürzen

In seinem 1932 erschienenen Aufsatz „Die Verhütung künftiger Krisen in der Weltwirtschaft“ machte der Unternehmer Robert Bosch den Vorschlag, die Arbeitszeit auf täglich nur noch 5 Stunden zu verkürzen, um die Arbeitslosigkeit auf Null zu bringen. Die Kosten dieses Vorschlags wollte der „Kommunist“ unter Deutschlands Konzernpatriarchen im wesentlichen durch die dann frei werdenden Mittel der Arbeitslosenunterstützung finanzieren.

Die übrigen Großindustriellen hielten es in Deutschland in dieser Krisensituation eher mit dem aufsteigenden Nazi-Chef Hitler, der ein Jahr später an die Macht kam.

Bosch sagte übrigens auch: „Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne zahle“.

Quelle: Beilage „Geschichte“ der „Zeit“ im November 2009

Philosophen-Kurzschlüsse

Die „Süddeutsche Zeitung“ (26.10.2009) weist dem „Kaffehaus-Philosophen“ Peter Sloterdijk – als Professor ein beamteter Spitzenverdiener – nach, dass seine in der Zeitschrift „Cicero“ veröffentlichten Schlüsse auf falschen Zahlen beruhen:

  • Weil das obere Fünftel der Bevölkerung rund 7o Prozent des Einkommensteuer-Aufkommens bezahlt, meint Sloterdijk, dass 25 Millionen „Leistungsträger“ „praktisch alles“ finanzieren, was den 82 Millionen Deutschen an staatlichen Leistungen zugute kommt. Das ist falsch: Die Einkommenssteuer macht nur noch 30 Prozent des Gesamtsteueraufkommens aus: 70 Prozent stammen vor allem aus Verbrauchssteuern (Mehrwertsteuer, Mineralölsteuer etc.), die vor allem von den übrigen 57 Millionen Bürgern bezahlt werden.
  • Das obere Fünftel der Bevölkerung kassiert mehr als die Hälfte aller Markteinkommen und damit rund 60 Prozent aller Einkommen, die oberhalb des Existenzminimums besteuert werden. Da sind 70 Prozent Einkommensteueranteil angemessen.
  • Sloterdijk behauptet, dass Einkommen der Maßstab für „Leistung“ sei – dabei ist das Einkommen nur der Anteil an der Wertschöpfung, den eine Person kassiert. Die eigentliche Wertschöpfung, der durch Arbeit entstehende „Mehrwert“, kann gar nicht gemessen, sondern nur beobachtet werden. Sloterdijk missachtet also die grundlegende Unterscheidung von Lohn und Leistung.
  • Leistung und Lohn klaffen immer weiter auseinander: Friseure, Automobilarbeiter, Verkäufer etc. leisten immer mehr für immer weniger Lohn. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung bekommt nur noch 14,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dagegen steigerte das obere Fünftel den Anteil den es kassiert Jahr für Jahr (zwischen 1993 und 2005 um 6,5 Prozent).
  • Diese Umverteilung ist getrieben vom Ausschlussprozess: Während die notwendige Arbeitszeit der Arbeitnehmer jährlich um 0,6 Prozent abnimmt (Produktivitätssteigerung!) steigen die von den Arbeitgebern eingeforderten Arbeitszeiten an – was zu höherer Arbeitslosigkeit und damit Verarmung führt.

Lohnverzicht trotz Gewinn

Der Gewinn der Deutschen Post betrug im ersten Halbjahr 557 Millionen Euro. Trotzdem sollen die Postbeschäftigten länger Arbeiten und auf die im Tarifvertrag für Dezember vorgesehene dreiprozentige Lohnerhöhung verzichten. Dies forderte Post-Vorstand Jürgen Gerdes in einem Brief an die 130.000 Tarifbeschäftigten des Logistik-Konzerns. Der Postchef drohte seinen Mitarbeitern auch damit, Neueinstellungen nur noch bei der Niedriglohn-Tochter First Mail vorzunehmen und das Briefgeschäft aus dem Tarif auszugliedern. Die Gewerkschaft ver.di will dagegen protestieren. Lustig: Die Post-Aktie verlor nach der Gerdes-Ankündigung zwei Prozent an Wert.

Chance Kurzarbeit?

Wie wäre es, wenn der Staat die Subventionen, die er für die Verlängerung der Kurzarbeit aufwendet, für die Subventionierung einer dauerhaften Arbeitszeitverkürzung verwenden würde?

Gemessen an der Produktivität müssten wir längst die 30-Stunden-Woche als Regelarbeitszeit haben. Doch der Neoliberalismus geht den umgekehrten Weg: Maximale Ausbeutung der Arbeitskraft durch Verlängerung des Arbeitstages auf der einen Seite – und massenhafte Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite (vgl. Karl Marx). Sonst würden womöglich die Arbeitnehmer noch frech werden und ihren Arbeitgebern mit umverteilenden Lohnforderungen kommen…